Interview mit Nico Suave über sein Comeback

Nico Suave - credit Pascal Kerouche

Dich gibt es ja schon ein bisschen länger.

Nico Suave: Ja, mich gibt es schon ein paar Jährchen

Dich gab es auch im Rapkontext schon mal. Dein Albumtitel „Unvergesslich“ spielt ja auf diesen Hit an, den du damals hattest.

Nico Suave: Im Grunde genommen ja. Also damals, als ich den Song geschrieben habe, war das auch eine Anspielung auf den alten Titel und inhaltlich geht es auch um die alte Zeit, wie es bei mir angefangen hat, was mich geprägt hat und wie es damals für mich war als Jungspund aus einer Kleinstadt irgendwann in die große Welt geschmissen – nach Hamburg – zu werden.

Und wie war das aus heutiger Sicht für dich damals?

Nico Suave: Damals war das wahnsinnig, weil ich aus diesem kleinen Kaff Menden kam, wo es wenig Möglichkeiten gab, aus der Stadt heraus zukommen. Okay, Dendemann hat es irgendwie geschafft und ist nach Hamburg gezogen. Das muss 1997 gewesen sein. Dann gab es die Möglichkeit, beim Eins Zwo-Album mitzumachen, was eine Ehre für mich war. Da waren schließlich Leute wie Samy Deluxe und andere große Rapper drauf. Mich da einzureihen war damals für mich ein großes Ding. Auch die ersten Shows außerhalb von Menden zu spielen, in Hamburg auf der Bühne zu stehen und ein Bo kommt an und fragt Dendemann: „Hey wer ist denn der Typ?“ Ich kann mich nur wiederholen: Das war wahnsinnig.

Es ging also alles mehr oder weniger von selbst?

Dadurch, dass Dendemann recht gut verankert war in Hamburg, hatte ich den Vorteil, schnell in der Hamburger Rap-Szene den Anschluss zu finden. Ich kannte dadurch recht viele Leute zu Beginn meiner Hamburger Tage. Der Start war aus der Hinsicht für mich relativ einfach. Das Management meines damaligen Labels Oktopussy saß auch in Hamburg. Ich war der erste Künstler bei denen. Im Nachhinein war das sehr cool. Und im Grunde genommen haben sie dafür gesorgt, dass bei Leuten heute noch Klick macht, wenn der Name fällt. Die waren ja zusammen mit Universal und haben darüber meine erstes Album veröffentlicht. Universal war ausführende Kraft, die haben auch den ganzen Plan aufgestellt.

Die gute alte Zeit, als man noch Majors als Geldautomaten nutzen konnte.

Nico Suave: Genau. Für mich war es ja das erste Mal, dass ich überhaupt in Berührung mit einem Major-Label kam. Ich habe keine Ahnung, wie Majors heute funktionieren. Ich habe mich ganz bewusst gegen Major entschieden, deshalb habe ich keine Ahnung, wie es heutzutage bei denen abläuft.

Zu der Zeit, von der wir gerade sprechen, war auch der Höhepunkt des Berlin-Hamburg Battles. Kennst du eigentlich die Version von Rhymin‘ Simon von deinem Song „Vergesslich“?

Nico Suave: Ich glaube, dass ich den Song nie gehört habe. Er kam aber irgendwann mal zu mir, kurz vor dem Splash-Auftritt, und hat irgendetwas zu mir gesagt. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, was er genau sagte. Aber sein Lied war ein Diss, ne?

Ja.

Nico Suave: Ja ich habe davon etwas mitbekommen, das auf jeden Fall. Er kam beim Splash zu mir und war sehr peaceful. Deswegen habe ich das alles nicht so ganz gerafft. Aber dieser Hamburg-Berlin Kram, dieser angebliche Beef, ging mir eh auf die Nerven.

Wenigstens war das noch die alte Beef-Zeit. Da ging es nicht darum, Leute zu bedrohen. Damals hat man einfach nur Songs gemacht.

Nico Suave: Richtig, aber das ging an mir – ehrlich gesagt – vorbei. Ich war ja nie so fett in diesem Beef-Ding verankert. Ich hatte meinen eigenen Beef mit ganz anderen Sachen.

Danach hast du drei Alben herausgebracht bis 2007. Und dann war erst mal Schluss bei dir. Woran lag das? Ist dir die Motivation abhanden gekommen?

Nico Suave: Nein, ich habe weiterhin Musik gemacht und bin auf Tour gefahren. Trotzdem habe ich irgendwie die Lust verloren. Die Luft war irgendwie raus. Ich war sehr verwöhnt durch mein erstes Album.

2001 war der Hamburg-Hype ja auch auf dem Höhepunkt.

Nico Suave: Richtig, und Gelder waren da. Ich habe zwar schon beim ersten Album gesagt: Ich mache nicht Musik, um damit reich zu werden. Wenn du den Respekt bekommst von Leuten, dass sie dich supporten und am Ende des Tages kannst du deine Miete zahlen und dein Kühlschrank füllen – das ist das Größte für mich. Das hat sich auch bis heute nicht verändert. Nur überhaupt zu gucken, das auf die Beine zu stellen – wie release ich das, wie bezahl ich das Studio, sich hinsetzen nächtelang, tagelang, Lyrics schreiben. Just for the Love of it war irgendwann einfach nicht mehr drin, denn ich musste gucken, dass ich Geld verdiene. Du musst ja irgendwie klar kommen und wissen, was du machen willst. Zudem hatte sich die Deutschrapszene komplett verändert. Ich habe mich darin gar nicht mehr so wirklich platziert und zugehörig gefühlt. Es war wirklich so, dass ich echt gesagt habe, dass ich mal Abstand brauche.

2007 war ja wiederum der Höhepunkt der Aggro-Phase.

Nico Suave: War das so? Ich glaube, ich weiß das gar nicht.

Das war halt die Zeit, wo man nur noch Aggro Berlin gehört hat. Die Zeit, als plötzlich jeder Türsteher gerappt hat.

Nico Suave: Ja, aber das ist ja cool. Das ist eine gute Entwicklung des deutschen Rap.

Aber hast du dich vielleicht deshalb nicht mehr im deutschen Rap wiederfinden können?

Nico Suave: Naja, ich fand das Problem war eher, dass die ganzen Medien dicht gemacht haben. Die haben ja keine Tür geöffnet für irgendetwas, was nicht die Aggro-Attitude hatte. Und da ich schon immer, und heute auch, für einen ganz anderen Vibe und Sound stehe, war es für mich irgendwann ermüdend. Wenn du nicht diese Power hast, auch Leute zu engagieren, zu sagen: „Okay, ich habe hier einen Song, den kann man eventuell auch über die Grenzen von HipHop hinaus bringen. Ich brauche aber jemanden, der mich da unterstützt in der Vermarktung.“ Dafür hatte ich gar keine Flocken. Außerdem hatte ich auch gar keinen Plan, wie das zu meistern war. Ich war völlig planlos, was auch mit meiner privaten Situation zu tun hatte: Ich war irgendwie lost. Ich war ausgepowert, ausgelaugt, private Sachen kamen dazu, die mich blockiert und gestoppt haben. Und die Entwicklung der Szene war nicht meins. Das ist nicht die Form von HipHop, wie ich sie verstehe.

Meinst du das Konfrontative?

Nico Suave: Nee, mit der Konfrontation hatte ich kein Problem. Ich finde, das ist ein Teil von HipHop. Was mich gestört hat, war der fehlende Respekt. Früher, meintest du ja selber, war Beef auf musikalischer Ebene. Und das ist für mich HipHop. Sobald es aber auf eine andere Art der Konfrontation und Auseinandersetzung geht, bin ich halt raus. Aber das ist cool, jeder soll machen, was er für richtig hält. Wir Rapper nehmen ja unsere Musik sehr ernst. Deshalb verstehe ich auch, dass es andere Kollegen gibt, die es anderes sehen. Wir leben halt Rap. Rap ist unser Leben. Für mich war Battle-Rap schon immer etwas Cooles. Ich finde auch Rap am Mittwoch geil. Die Leute kommen da hin und battlen sich.

Und nach dem Battle geben sie sich die Hand.

Nico Suave: Klar, ich meine, das ist auch zum Teil schwierig. Ich meine, wenn jemand meine Mutter verbal angreift, oder unter die Gürtellinie haut, dann würde es mir schwer fallen, demjenigen die Hand zu geben danach und zu sagen: „Peace, Bruder. Geil, dass du hier warst. Coole Lines hast du gebracht. Vor allem die gegen meine Mutter war 1a.“ Das geht nicht. Ich fahre meinen Film. Ich stehe für gute Musik und will guten Sound machen. Das war für mich schon immer der Anspruch und das hat es mir auch irgendwann schwer gemacht, ins Studio zu marschieren. Mein Anspruch ist sehr hoch und lange Zeit gab es auch nicht die Möglichkeit, das, was ich für mich gefühlt habe, musikalisch umzusetzen. Wenn ich jetzt einfach mal gucke, was wir bei dem Album gemacht haben, ist das ein riesen Apparat. Da ist nichts Konserve. Das ist nicht: „Okay, ich setze mich jetzt mal an Rechner und guck, welche Plug-ins einigermaßen echt klingen.“ Auf meiner Platte ist alles echt. Klar gibt es auch Synthi-Einflüsse, aber selbst das sind echte analoge Geräte. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich das in meinem hohen Alter machen konnte. Das war für mich so eines der Gründe. Ich wollte kein Singer-Songwriter mehr sein. Klar, irgendwie bin ich es, aber ich wollte nicht auf ein Mal anfangen zu singen.

Womit wir wieder im Hier und Jetzt wären. Es gab natürlich auch böse Zungen, die meinten: Ja, jetzt, wo Rap wieder läuft, jetzt kommt er wieder zurück.

Nice Suave: Ja, aber ey, was sagen die denn nicht. Ich habe schon immer gerappt. Ich war lange Zeit im Ausland unterwegs. Ich hab kleinen Kindern, die kaum Deutsch sprechen, rappen auf Deutsch beigebracht. Wir haben Spaß gehabt.

Das war für das Goethe-Institut, oder?

Nico Suave: Genau, ich war vier Jahre lang mit denen unterwegs, habe trotzdem dieses Hiphop-Ding gelebt, aber auf eine andere Art und Weise. Nebenbei habe ich mir die Welt angeguckt.

Klingt gar nicht schlecht.

Nico Suave: Natürlich war das super. Ich kann mich überhaupt nicht beschweren. Ich verstehe das ja auch. Wenn du zuhause sitzt und du hast sowieso nur deinen Rechner und die mediale Welt, die sich da vor dir öffnet, bist ein kleines Licht, hast nichts zu sagen. Dann versuchst du natürlich irgendwie Stellung zu beziehen im Internet und suchst für dich eine Meinung. Aber ich sage dir ganz ehrlich, ich finde es cool, dass sie über mich reden. Wenn sie nicht über dich reden, bist du belanglos. Und ich sehe mich nicht als belanglosen Künstler. Ich glaube schon, dass ich mit meiner Musik den Leuten mit meiner Musik etwas überbringen kann. Ich mag das Album. Es ist vielseitig und das ist für mich ein Erfolg. Erfolg ist für mich auch generell eine Vision zu haben und diese zu verfolgen. Wenn ich jetzt auf Tour gehe, und da kommen paar Leute und sagen: „Geile Platte“ und feiern mit mir zusammen ab, das sind für mich Erfolge. Klar, „Danke“ zum Beispiel mit Xavier Naidoo hat 700.000 Klicks bei YouTube. Das ist auch ein Erfolg für mich. Darüber freue ich mich, aber es geht nicht zwingend in mein Herz. Viel krasser finde ich, wenn Leute mir schreiben und sagen: „Danke für deine Song. Er hat mich wirklich berührt. Ich habe ein hartes Jahr hinter mir. Ich höre mir deinen Song an und heule auch die ganze Zeit, wenn ich das höre, aber es bringt mich durch den Tag.“ Das ist wahrer Erfolg. Ehrlich gesagt, wenn ich zurückblicke auf alle Songs, die ich bis dato gemacht habe, ist mir so etwas auch noch nie passiert. Ich meine damit, jemanden emotional so abzuholen.

Hast du es darauf überhaupt angelegt? „Vergesslich“ war ja mehr eine Kifferhymne.

Nico Suave: Exakt. Nee, ich habe es gar nicht darauf angelegt. Ich habe es in dem Album auch nicht darauf angelegt. Auf dem Album hat sich alles so ergeben, wie es jetzt ist. Wenn ich jetzt „Danke“ zum Beispiel nehme: Ich habe immer das Bedürfnis verspürt, das einfach mal runterzuschreiben. Für jeden ist das eine Thematik, die du erst mal weit von dir wegschiebst. Damit willst du erst mal nichts zu tun haben. Wenn du deinen Vater tot im Sarg liegen siehst und ihn dann auch noch zu Grabe trägst und unter die Erde bringst, ist das ein Moment, den man keinem Menschen auf der Welt wünscht. Das ist ein Ding, dass du ganz schnell vergessen willst. Und dann gibt es immer natürlich immer wieder Momente, in denen du zusammenbrichst oder in denen es dich einfach einholt. Dann kommt alles wieder hoch. Das ist auch kein Text, an dem ich lange gesessen habe. Das habe ich so runtergeschrieben und dann gab es die Option, das mit Xavier zu machen.

Und auf Tour hat er dich auch mitgenommen. Ist da noch mehr geplant? Das nächste Xavas-Album? Xuave?

Nico Suave: Nein, nein, nein, das überhaupt nicht. Ich bin seiner Musik groß geworden. 3p war das erste Deutschrapding, das bei mir angekommen ist. Allein für die Nummer „Danke“ war das perfekt, weil er diesen Pathos mitbringt. Er hat für mich den Song auf eine Ebene hingebracht, wo er auch hingehört. Das hat der Song wirklich verdient.

Hast du dich mit Xavier Naidoo über Politik unterhalten?

Nico Suave (lacht): Nee. Wir haben nur laut Dubstep-Beats gehört.

War er der Anlass, dass du jetzt wieder Bock hast ein Album zu machen?

Nico Suave: Nein. Es gab keinen Schlüsselmoment. Ich habe ja die ganze Zeit Songs gemacht und Skizzen gesammelt, geschrieben, teilweise gab es dann auch einen Chorus, teilweise schon fertige Tracks oder nur zwei Strophen und kein Chorus. Relativ zeitgleich mit der Connection zu Xavier haben sich viele Sachen auf einmal ergeben.

Wenn du sagst, dass 2007 dir Rap nicht mehr gefallen hat: Gefällt dir der 2014, 2015-er Rap besser? 

Nico Suave: Wenn ich jetzt so die letzten Jahre mir angucke, was passiert ist, finde ich es interessant, dass es Rap geschafft hat, so vielfältig zu sein. Darauf kann man stolz sein. Jeder da draußen muss akzeptieren und respektieren, was diese Kultur, diese Szene, bei den Leuten bewirkt. Wir sind ja nicht das Ursprungsland des Rap. Wir wurden immer belächelt. Das ist nun vorbei. Es ist nicht so, dass ich tief grabe und gucke wer jetzt, was für eine Meinung zu was hat. Ich gucke eher, was die breite Masse für eine Meinung hat und was da draußen passiert. Zu beobachten, dass überall neue Leute aus dem Boden sprießen und geilen Scheiß machen. Ich habe heute das Orsons-Video gesehen. Die sind ja sowieso schon seit Jahren krass, aber das neue Video ist mega.

Dieses Mal sind sie richtig durchgedreht, offensichtlich. Hast du dir die ganzen zwei Stunden angesehen?

Nico Suave: Nee. Aber diese Jungs sind halt Genies. Die sind echt krass. Ich bin völlig gebrainwashed. Im übrigen finde ich auch Ali As mega nice, aber den gibt es ja schon superlange. Er ist derbe. Ich habe ihn vor Ewigkeiten in München kennengelernt. Er war immer der Acapella-Rapper, der die witzigsten Lines gebracht hat. Das neue Album ist auch supergeil.

Was du dir von deinem Album erhoffst, hast du ja schon gesagt: Es geht dir nicht um Verkaufszahlen, sondern …

Nico Suave: Ja, was heißt: nicht um Verkaufszahlen? Klar sollte am Ende des Tages meine Tochter ernährt werden können. Wenn du mich aber fragst, was für mich ein Erfolg darstellt, dann sind das nicht Verkaufszahlen, nicht primär. Die Verkäufe spielen natürlich eine Rolle, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es würde mich nicht interessieren. Wenn mich das nicht interessieren würde, dann könnte ich auch in meinem Keller Musik machen.

Hängt es von den Verkaufszahlen ab, wie du dann weitermachst?

Nico Suave: Nee, ich habe total Bock. Ich mache auch jetzt schon wieder neue Sachen. Irgendetwas ist zurückgekehrt. Irgendetwas hat Besitz von mir ergriffen. Ich habe total Bock ins Studio zu gehen, aufzunehmen, live zu spielen. Das letzte Jahr war sehr gut zu mir. Das, was lange Zeit blockiert war und mich fern gehalten hat vom Hiphop-Geschehen, ist wieder da. Ich würde fast sagen stärker denn je.

Foto: Pascal Kerouche

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