Interview mit Herr Sorge

rap.de: An die Samy-Fans wendet sich das Herr Sorge-Album aber eher nicht, oder?

Herr Sorge: Natürlich freue ich mich auch über jeden, der mich dann feiert als Samy und jetzt vielleicht als Herr Sorge hatet, dann freu ich mich als Samy darüber. Aber generell sind so dogmatische Leute, die sowas an so kleinen Faktoren wie „Trägt jemand Schminke?“ oder „Benutzt jemand ’nen Vocaleffekt, von dem Jay-Z gesagt hat, dass er nicht cool ist und deswegen mag ich ihn jetzt nicht?“ festmachen – das sind eben nicht unbedingt die stilprägendsten Leute der Gesellschaft, sondern eher so die Mitläufer, die einfach ziemlich viel Dogmen folgen, genau wie seinerzeit im 3. Reich auch viele Dogmen gefolgt sind. Also, es ist nie was Gutes, einfach Vorgaben von anderen Leuten, meinungsprägende Vorgaben, nachzulabern. Das ist auch etwas, dass dieser Charakter zum Ausdruck bringen soll, da ist ganz wenig Theorie in der Entstehung bei mir dahintergewesen. Ich hab ganz wenig theoretisch den Blueprint gemalt, die Musik ist einfach entstanden. Dann hab ich irgendwann gesagt „Okay, wir müssen den Charakter optisch umsetzen“, dann bin ich mit meiner Freundin nach Paris gefahren und haben einen Zylinder gekauft und uns in Second Hand Läden aufgehalten.

rap.de: Klingt ja richtig romantisch.

Herr Sorge: War ein schöner Prozess mit meinem ganzen Team und meiner Freundin – einfach mit allen Leuten, mit denen ich an diesem Ding gearbeitet habe. Was sehr schönes, was sehr kreatives, was sehr lustiges, obwohl der Themeninhalt das nicht unbedingt immer wiederspiegelt so, aber die ganze Kampagne hat auf jeden Fall eigentlich mehr Spaß gebracht als alles in der Vergangenheit, weils einfach soviel Freiheiten lässt und wirklich ein Phantasieprojekt ist, was eigentlich keine Bremsen hat.

rap.de: Was ist denn noch alles geplant?

Herr Sorge: Wir sind mittlerweile eigentlich schon beim Spielfilm. Das war für alle, die dabei sind – die Leute da draußen kennen ja jetzt nur zwei, drei Clips – ich glaube, wenn man erst mal in dem Film drin ist und diese ganze Bandbreite der Songs gehört hat, kriegt man immer mehr Bilder im Kopf, durch die Musik und die Texte. Bei uns ist das schon so weit fortgeschritten, dass wir mittlerweile schon am Skript für den Spielfilm arbeiten – also nur für uns, nicht, dass wir schon das Angebot auf dem Tisch haben. Aber es lässt auf einmal so eine Möglichkeit offen lässt, die sonst, wenn ich als Samy nachdenken würde: Will ich mal irgendwie einen Kinofilm machen?“ und in die Fußstapfen von Sido und Bushido treten würde, wäre das so: Auf keinen Fall.

rap.de: Warum? Haben dir die Filme nicht gefallen?

Herr Sorge: Die witzige Variante bei Sido, einfach ’ne Komödie drehen, die irgendwie ein bisschen angelehnt an dein Leben ist, finde ich überhaupt nicht verwerflich, aber gerade dieses: seine wirkliche Biographie als Film drehen lassen und sich selbst auch noch darzustellen… also dieses Selbstdarstellerische, was so meine richtige Persönlichkeit angeht, hab ich überhaupt nicht. Aber als Herr Sorge find ich’s halt super interessant, sich das vorzustellen. Das könnte mal ein Ding sein, wo Deutschland mal ’nen coolen Fantasy-Movie kriegt. Das find ich eben interessant, wenn Projekte dazu führen, dass du merkst, so bei allen steigt einfach nur Euphorie auf, die sonst nicht entsteht so. Von den Grafikern bis hin zu den Filmleuten. Es ist ja kein neues Team, das ist das gleiche Team, mit dem ich vor einem Jahr „Schwarz-Weiß“ gemacht habe.

rap.de: Viele, die du mit „Schwarz-Weiß“ wieder versöhnt hast, werden sich womöglich jetzt erneut mit Grausen abwenden.

Herr Sorge: Klar ist alles ne Geschmacksfrage, wenn jetzt jemand sagt, er mag nur Samy als Rapper und Herr Sorge nicht, dann ist das total cool für mich. Trotzdem glaube ich, dass keiner sagen kann, dass das nicht gut gemacht ist, was wir da gerade machen. Ich könnte mir jetzt nicht vorstellen, dass du mir zehn Websites von anderen deutschen Projekten zeigen kannst, die ähnlich beeindruckend sind und eine neue Art von Musik und eine neue Art von Visualität bieten, die es hier in Deutschland einfach noch nicht gab. Das finde ich sehr interessant an dem Projekt. Dass neue Türen aufgemacht werden und man sichtraut, ohne Angst und Scham und ohne Besorgtsein, was irgendwelche engstirnigen Leute denken, neue Sachen zu machen.

rap.de: Bist du so ein bisschen an einem Andre3000-Moment deiner Karriere?

Herr Sorge: Ich habe ja immer sehr viel probiert. „Dis wo ich herkomme“ war auch schon sehr anders – ich meine, da war kein anderer Look, aber auch nur weil ich zu der Zeit nicht so gedacht habe. Da ging es mehr so um die Themeninhalte und ich wollte total normal und total greifbar sein, weil alles andere so wenig greifbar war zu der Zeit. Da gab es noch diesen Nachschock von diesem Gangsta Rap-Ding und keiner hat mit den Kids und den Jugendlichen, die ja viel Rap hören, so geredet, wie ich dachte, dass man pädagogisch gedacht mit ihnen reden müsste. Dann bei „Schwarz-Weiß“ war ich schon wieder viel mehr so auf meinem Ding, dass es auch um Swagger geht und man nicht weniger erwachsen ist, weil man jetzt auch Bock hat, ’nen geiles Outfit zu tragen. Ist ja irgendwie auch Teil meiner Persönlichkeit, dass ich jetzt so in der Öffentlichkeit stehe und auf irgendeine Weise stylisch sein, beeindrucken und cool sein muss. Und dann habe ich diese ganzen Faktoren wieder dazugenommen, was irgendwie dazu geführt hat, dass die Leute dachten „Ah, das ist ja der Samy, den wir kennen. Der erzählt ab und zu was, was total Sinn macht, aber manchmal hat er auch einfach Bock auf seine Wortspiele und macht mal 100 Bars am Stück. Ist doch cool.“. Und bei Herr Sorge ist es dann irgendwie wieder was anderes, was schon immer in meiner Persönlichkeit verankert war und jetzt herauskommt.