Interview mit den Veranstaltern der Tapefabrik

tapefabrik

Nach einer fast zweijährigen Durststrecke und einigen Turbulenzen öffnet die legendäre Tapefabrik am 11. März endlich wieder ihre Pforten und lädt zum nunmehr siebten Mal zum Klassentreffen der deutschen HipHop Szene. Seit der Rettungsaktion für die zum damaligen Zeitpunkt insolvente Tapefabrik im September 2015 war es einige Zeit still geworden um das Festival – doch jetzt, im Frühjahr 2017, kommt sie gestärkt und mit allerhand Überraschungen im Gepäck mit Karacho zurück auf die Bildfläche. Pünktlich zum fünfjährigen Jubiläum der Jam weiß die Tapefabrik mit über 40 Artists und dem vielleicht spannendsten Lineup in ihrer Geschichte zu überzeugen und lädt endlich wieder zur Sause in den Wiesbadener Schlachthof. Uns erwartet eine breite Palette an Künstlern, von alten Hasen, bis hin zu Geheimtipps aus dem Untergrund, von feinstem Conscious- bis hin zu Battle-Rap. Wir haben bei den Veranstaltern nachgefragt, auf was wir uns da einstellen können, wenn wir Mitte März auf Reisen nach Hessen gehen.

Könnt ihr kurz auf die Geschichte der Tapefabrik eingehen? Was ist passiert seit der ersten Ausrichtung im Jahr 2012, wie hat sich die Sache im Laufe der letzten fünf Jahre entwickelt?

Ein Konzert ist in der Zwischenzeit gewissermaßen zu einem Festival geworden. Was Anfangs als kleine Jam für Freunde einer besonderen Art der Rapmusik gedacht war, ist jetzt ein kleines Festival für Liebhaber der besonderen Rap- und Beatmusik. Aus Limburg an der Lahn wurde Wiesbaden, aus Wiesbaden wurden Magdeburg, Berlin, Mainz und andere Städte, in denen wir gastieren durften. Ansonsten ist alles beim Alten geblieben.

Die Tapefabrik hat sich zu einer absoluten Instanz innerhalb der deutschen Rap-Landschaft entwickelt, ist ein Sinnbild für Untergrund und gute Musik und ist nebenbei das größte Rapfestival im Süden Deutschlands. Dennoch war es einige Zeit ruhig um die Jam und es hieß sogar zwischenzeitlich, die Tapefabrik sei tot. Was war da los?

Um es kurz zu machen: Ein Festival ohne kommerziellen Anspruch kann logischerweise kaum von großen Rücklagen Gebrauch machen, wenn es mal schlecht läuft. Die Ausrichtung des Festivals in Berlin war ein Risiko in sich, das wir gern, aber auch auf naive Weise eingegangen sind. Dem finanziellen Druck, den nicht zuletzt der Insolvenzverwalter aufgebaut hat, mussten wir uns irgendwann beugen. Wären unsere Partner, Fans und Supporter nicht gewesen, würde es die Tapefabrik heute nicht mehr geben…

Die Vielfalt und das Ausmaß eures Programms hätte auch locker einen zwei- oder gar dreitägigen Festival-Timetable füllen können. Warum ist es euch nach wie vor wichtig, die Sache binnen eines Tages über die Bühne zu bringen?

Es geht hier eigentlich weniger ums Prinzip. Verbunden mit der Größenordnung unserer Artists und dem Konzept der Veranstaltung ließe sich eine mehrtägige Veranstaltung halt einfach nicht realisieren. Allein schon, weil das einzig tragbare Konzept dazu ein Open-Air-Event mit größeren Headliners wäre, das enorme Logistik und Kosten erfordern und uns damit automatisch zwingen würde, eine Veranstaltung für 5.000 plus X Zuschauer zu stemmen. Das würden dem Spirit der Tapefabrik und dem Anspruch, den die Fans an den Jam-Charakter der Veranstaltung haben, nicht mehr gerecht.

Ihr habt das Festival ja auch schon an anderen Orten ausgetragen, beispielsweise im Mai 2015 in Berlin. Am Ende des Tages kehrt die Tapefabrik dann aber doch immer und auch diesmal „nach Hause“ zurück, in den Schlachthof im hessischen Wiesbaden. Was ist so besonders an diesem Veranstaltungsort, diesem fast sagenumwobenen und oft als „legendär“ bezeichneten Schlachthof und wieso stellt er gerade für den deutschen Rap eine so wichtige Adresse dar?

Im Schlachthof haben über die letzten 20 Jahren beinahe alle großen nationalen und internationalen Bands mindestens einmal einen Tour-Stop abgehalten. Hier hatten, nur als Beispiel, die Beginner und Main Concept ihren ersten gemeinsamen Auftritt. Zudem war der Schlachthof von 1997 bis 2001 Austragungsort des legendären Wallstreet Meetings: das schon damals größte Graffiti-Festival der Welt ging schließlich in das sogenannte Meeting of Styles über, das noch heute unweit des Schlachthofs stattfindet. Der Schlachthof macht sich seit seiner Gründung 1994 gegen Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Homophobie stark, auch das zeichnet ihn aus.

Eines von vielen Specials ist diesmal das Record-Release-Konzert von Slowys und 12Vinces neuer Platte „Undercover Blues“. Die Jungs sind ja quasi „Freunde des Hauses“. Kommt das lang ersehnte Album der Hamburger rein zufällig am Tag der Tapefabrik oder habt ihr euch da abgestimmt?

Wir hatten, das können wir ja ehrlich zugeben, ursprünglich nicht vor, die Jungs in diesem Jahr zu buchen. Wir versuchen ja Abwechslung in das Programm zu bringen und die beiden waren vorher drei Jahre in Folge zu Gast. Als mir Vince dann allerdings von der neuen Platte berichtete und den Vorschlag machte, diese bei uns releasen zu wollen, hatten wir doch keine andere Wahl, als zuzusagen. Es ist für uns eine große Ehre, dass die Jungs eine so besondere Verbindung zur Tapefabrik verspüren, dass sie uns dieses Release zu Teil werden lassen.

Das diesjährige Lineup ist gefühlt noch breiter gefächert, denn je und die Auswahl der auftretenden Künstler beweist ein sensibles Feingefühl und gleichzeitig gute Kontakte eurerseits. Besonders spannend finde ich beispielsweise, dass mit Face63 erstmals ein Vertreter aus dem Lager der „Freunde von Niemand“ oder mit Kalim zum ersten Mal jemand von „Alles oder Nix“ antritt. Das ist sicherlich ein gewisses Kontrastprogramm zu Künstlern wie Hiob oder Morlokk Dilemma. Wie kam der Kontakt zu Face oder Kalim zustande (s/o an Davud) und warum habt ihr gerade die beiden angefragt?

Erstmal Danke für die Blumen. Auf die Fragen gibt‘s zwei völlig unterschiedliche Antworten. Auch wenn wir natürlich versuchen, ganz Rap-Deutschland in unserem Festival-Programm abzubilden, sind wir im Herzen eng mit unserer Region verbunden, also mit FFM, Wiesbaden, Mainz, und dem Rhein-Main-Gebiet … Das ist auch der Grund dafür, warum uns Acts wie Eloquent (der aus Wiesbaden kommt) besonders wichtig sind. Wir haben es als tolle und herausragende Geste wahrgenommen, als die Freunde von Niemand damals, obwohl wir sie zuvor nie im Lineup gehabt hatten, unentgeltlich auf der Bühne standen, um das Überleben unseres Festivals zu sichern. Die Jungs hatten davon keinerlei privaten Nutzen, aber sie wollten weiterhin ein Rap-Event wie unseres in ihrer Region sehen. Es ist das Mindeste, dass wir jetzt Face supporten, einen der interessantesten und aufstrebensten Künstler des Camps, mal ganz davon abgesehen, dass natürlich eine krasse Show von ihm zu erwarten ist. Kalim ist, so nennen wir das innerhalb des Teams, unser diesjähriger Störer. Wir versuchen immer einen Act zu finden, den wir zwar alle feiern, der aber etwas aus dem sonst sehr in sich stimmigen Lineup heraussticht, einfach auch damit es nicht langweilig wird.

In diesem Jahr sind zum zweiten Mal auch die Leute vom Freestyle-Battle-Format Don’t Let The Lable Lable You an Bord und werden zwei Matches austragen. Freestyle-Kultur und Rap-Battles sind seit Jahr und Tag wichtiger Bestandteil der Tapefabrik. Sind Battles in euren Augen ein Muss auf so einem Trueschooler-Event?

Alles, was Rapfans in Deutschland bewegt, hat seinen Platz auf der Tapefabrik verdient, also auch DLTLLY und ihre Rap-Battles.

Musstet ihr Damion Davis überreden, die Moderation des Abends zu übernehmen oder war das Ehrensache?

Wir würden uns nicht anmaßen, zu behaupten, dass der gute Damion das als Ehrensache empfindet. Überreden mussten wir ihn trotzdem nicht, was wir wiederum als große Anerkennung empfinden. Damion ist der vielleicht krasseste Live-MC in Deutschland und damit wie gemacht für diese Aufgabe.

Ihr betont im Vorfeld des Festivals bewusst immer wieder, dass die Tapefabrik auch und besonders ein Anlaufpunkt für die Beatszene sein soll und laut Ankündigung sollen in diesem Jahr besonders die Produzenten innerhalb der Szene im Vordergrund stehen. Glaubt ihr, dass die Spezies der Producer, gemessen an deren Anteil an deutscher Rapkultur, zu wenig Aufmerksamkeit erntet bzw. dass deren Arbeit allgemein nicht ausreichend gewürdigt wird?

Natürlich war das lange Jahre der Fall. Es stand grundsätzlich immer der Rapper im Vordergrund, aber mit dieser Situation wird zur Zeit ganz schön aufgeräumt. Man muss sich nur das Lineup auf unserer Jam ansehen: Eloquent & Twit One, doz9 & Torky Tork, Morlockk Dilemma & Brenk Sinatra und so weiter … Die Producer rücken immer mehr in den Vordergrund, das ist auch gut so.

Wo seht ihr den Unterschied zwischen der Tapefabrik und anderen Hip-Hop-Festivals und was bedeutet „Untergrund aus Prinzip“ für euch konkret und in der Umsetzung eurer Veranstaltung?

Ohne groß drumherum zu reden: Wir haben die wundervolle Situation, nicht auf kommerzielle Bookings angewiesen zu sein. Unsere Kollegen der großen Open-Airs gestalten Lineups in einer ganz anderen Größenordnung, wovor wir sehr großen Respekt haben, aber wir können im Gegensatz dazu eben das tun, was wir von Anfang an taten: Die Artists buchen, deren Alben sich bei uns zu Hause auf den Plattentellern drehen, mit den Liebhabern der Szene sprechen und ihre Favoriten buchen und hoffentlich auch noch viele Jahre so das »Klassentreffen« der deutschen Rap- und Beatkultur sein. Wir freuen uns auf alle, die das in diesem Jahr das erste mal erleben, genau so sehr, wie auf unsere langjährigen Freunde. Bis zum 11. März!

Danke Jungs für das Interview!

Tickets für den 11.03.2017 gibt es ab sofort für 28€ zzgl. Gebühren unter tickets.tapefabrik.de. Auch diesmal wird die organisierte Anreise mit Bussen angeboten. Ihr könnt somit aus knapp 30 verschiedenen Städten angenehm, billig und unkompliziert anrollen. Checkt hierfür bus.tapefabrik.de!

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