Rapde-Redaktion - “Hoes, Flows und Meinungen” Journalistisch wertvolle Beiträge von den fabelhaften Menschen der rap.de-Redaktion.
23.06.2008
Champagner und Currywurst mit Sido Mein offizieller Auftrag am Freitag war es, Herrn Chefredakteur Staiger zu seinem Sido-Interview zu begleiten, um euch im Anschluss eine Art Blick hinter die Kulissen zu bieten. Eigentlich wollte ich mit, weil ich eine spektakuläre Schlägerei erwartete. Man rufe sich in Erinnerung, dass die damalige Trennung zwischen Sido, B-Tight und Royalbunker nicht unbedingt in aller Freundschaft verlief. Leider wurde ich enttäuscht: es gab keine Blutergüsse und Knochenbrüche, nein, man zog sich noch nicht mal an den Haaren. Nichtsdestotrotz ein interessanter Tag, aber der Reihe nach. Ich soll Bilder machen. Mit irgendeiner Canon Super-Kamera mit fünf Millionen Knöpfen und der Objektivgröße eines Kinderkopfes. Angeblich ist es damit unmöglich, Dinge unscharf zu fotografieren, wenn man genau draufhält. Ich schaffe es natürlich trotzdem. Das macht Hoffnung, und mir ist etwas schlecht. Man möchte ja auch keine Fehler machen, insbesondere nicht, wenn das Nervenkostüm des Chefs die Reißfestigkeit eines reduzierten New Yorker-Oberteils besitzt.
Noch schlechter wird mir bei der Autofahrt zum Regent-Hotel, wo das Interview stattfinden soll. Zumindest der erste Teil, im Anschluss gehen wir dann Currywurst essen. Hiermit soll die Zerrissenheit des Künstlers thematisiert werden beziehungsweise die Schizophrenie seines aktuellen Daseins ("Ich Und Meine Maske"). Ja, da hat man sich mal richtig Gedanken gemacht! In jedem Fall ist Staiger ein sehr expressiver Autofahrer und ich stelle die Frage, die ich als Beifahrer in solchen Situationen immer stelle: "Hattest du schon mal einen richtig schweren Unfall?". Die Antwort lautet "Was meinst du mit schwer?", ist nicht unbedingt beruhigend und deshalb schweige ich. Am Hotel angekommen wird Staiger Richtung Luxus-Suite geleitet, Sido und Konsorten warten nämlich schon, während mir die ehrenvolle Aufgabe zufällt, ein Parkticket zu lösen. Sein Auto zwei Stunden vor dem Regent stehen zu lassen kostet ungefähr 300 Euro, irgendwie müssen die goldenen Kronleuchter und die ungemein geschmackvollen Marmorverkleidungen ja bezahlt werden. In der achten Etage ist derweil Big Pimpin’ angesagt. Man gruppiert sich "Spiegel-Redakteur trifft Eva Hermans Hund"-mäßig um den falschen Kamin und das Interview beginnt.
Während der noch maskenlose Maskenmann über sein Verhältnis zur BRAVO und deren Affinität zu Bushidos Fußnägeln philosophiert, fotografiere ich den Obstteller. Er bewegt sich nicht, dementsprechend kann man nicht all zuviel falsch machen. Ich werde nachher behaupten, ich hätte Impressionen der gediegenen Atmosphäre einfangen wollen, das klingt gut und professionell. Nachdem die journalistisch investigative Befragung zu einem freundschaftlichen "Früher war alles besser"-Geplauder übergegangen ist, soll ich Staigers Anzug für das anschließende Fotoshooting aus dem Wagen holen. Solche Aufgaben bekommt man als Praktikantin. Immer. Fünf Minuten später stehe ich vor dem Kofferraum und habe das starke Bedürfnis, dagegen zu treten. Er geht nämlich nicht auf. Ich bin ein Kind der Neuzeit: wenn ich auf den "Kofferaum Entriegeln"-Knopf des elektronischen Auto-Schlüssels drücke, erwarte ich einfach, dass ich diesen anschließend dann auch öffnen kann. Scheiße. Ich drücke mehrmals. Ich drücke alle Knöpfe. Ich drücke zwei gleichzeitig. Ich schreie. Ich zerre an der Luke. Ich ignoriere die konsternierten Blicke der Passanten, die mich für einen Auto-Knacker halten. Verzweifelt setze ich meinen "Ich bin ein kleines Mädchen, bitte hilf mir"-Blick auf und spreche einen älteren Herrn an. Er weiß es auch nicht, ist aber freundlich. Als er außer Sichtweite ist, klettere ich auf den Rücksitz, vollführe dort Schlangenmenschen-ähnliche Verrenkungen und habe endlich den Anzug in der Hand. Zurück in der Suite stellt sich heraus, das ich nichts verpasst habe. Die zum Shooting erforderliche Maske ist immer noch nicht da. Also warten wir. Währenddessen erzählt Sido eine komplett abstruse Puff-Geschichte aus den Aggro Berlin-Anfangsjahren, deren Höhepunkt daraus besteht, dass Tony D nackt im Flur steht und "Ich bin nicht gekommen und die Nutte hat sich einfach verpisst!" brüllt. Stellt es euch bitte bildlich vor. Wunderschön.
Eine halbe Stunde später taucht dann Specter auf. Mit der Maske. Sie wird in einer hochsicherheitsmäßig aussehenden Box transportiert, etwa so, als wäre sie der heilige Gral. Dan Brown wäre begeistert, der professionelle Fotograf ist es auch, denn jetzt kann er endlich mit dem Knipsen anfangen. Damit die Stimmung dabei nicht komplett abflacht, erzählt das superintelligente Drogenopfer Witze. Zwei. Nach der "Pointe" entsteht eine peinliche Pause, Sido lacht trotzdem. Die besten Witze sind ja schließlich immer noch die Eigenen. Anschließend geht es in die Eberswalder Straße zur Currywurstbude. Es ist sehr hoodlike und real, denn über uns fährt die Hochbahn und womöglich laufen auch ein paar Alkoholiker vorbei. Ghetto. Ich will die Wurst fotografieren, denn auch diese lebt nicht und ist daher ein dankbares Objekt, aber die Kamera geht nicht. Ich hasse dieses Gerät. Nach mehrmaligem An- und Ausschalten tut sie immer noch nichts. Ich denke Zen-mäßig an eine weiße Wand und zähle innerlich bis 350. Peinlich berührt sehe ich dann dabei zu, wie Staiger ohne jede Probleme ein Foto schießt. Natürlich funktioniert sie jetzt wieder. Ich glaube, sie hasst mich auch.
Das Interview ist vorbei, die letzte Pommes wird gegessen und das Foto-Equipment wieder eingepackt. Es war ein langer Tag, angefüllt von Minuten des Wartens, angeregten Unterhaltungen und auch Momenten der Stille, der reinen Poesie, Sekunden klarer Schönheit. Freut euch auf das Sido-Feature, nur hier bei Rap.de, der Seite eures Vertrauens.
Web 2.0 Wir leben in einem Zeitalter des Blogtums. Das ist ein sehr monumentaler Satz, den man einfach so stehen lassen sollte, aber ich tue es trotzdem nicht. Jeder hat heutzutage einen Blog, in dem er über Dinge philosophiert, die niemanden interessieren. Womöglich lässt es sich als tragisch-komisches Geltungsbedürfnis des anonymisierten Individuums sehen. Eigentlich ist es aber auch egal. Was ich sagen möchte: jeder hat jetzt einen Blog und, denn wir können uns den Mainstream-Trends nicht entziehen, die Rap.de-Redaktion hiermit auch. Seit heute. Um unsere Meinung fernab jeglicher Objektivitätsversuche und investigativen Journalismus’ Kund tun zu können. Um eine Art persönliche Bindung zum Leser herzustellen. Und nicht zuletzt um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist Web 2.0, meine Damen und Herren.
Weil wir alle nicht nur unfassbar attraktiv, geistreich und gebildet sind, sondern auch wahnsinnig humorvoll und im Allgemeinen super, wird dieser Blog spätestens nächstes Jahr den Pulitzer-Preis erhalten. Marcel Reich-Ranicki wird ihn in einer wahnsinnig bewegenden Zeremonie unter dem Applaus der geladenen Feuilletonisten überreichen und hach, schon jetzt habe ich Tränen der Rührung in den Augen. Hier, in der weltbesten Online-Redaktion der Welt wird Phänomenales passieren und ihr seid dabei. Erzählt es allen, bevor es nicht mehr Untergrund genug ist, um damit anzugeben. Seid cool!