Rapde-Redaktion - “Hoes, Flows und Meinungen” Journalistisch wertvolle Beiträge von den fabelhaften Menschen der rap.de-Redaktion.
30.06.2008
Brüste, Ärsche und Rap bei Taff
Wir alle kennen Taff, das nachmittägliche Boulevard-Magazin auf Prosieben, das durch kulturell wertvolle Berichte über Titten, koksende Popstars und neureiche Pseudo-Adlige besticht. Offenkundig hat das Format aber auch einen erzieherischen Auftrag, zumindest dann, wenn es um die böse, böse Rapmusik geht. Zumindest ließ ein kürzlich ausgestrahlter Beitrag (für das Video hier klicken) darauf schließen. Neben dem medial allgegenwärtigen Gangster-Rap, der unsere Jugend quasi an den Rand des Abgrunds getrieben hat, wartet nun eine noch schlimmere Bedrohung im Kinderzimmer: "Neue Musikrichtungen wie zum Beispiel Porno-Rap oder auch Zuhälter-Rap!". Während er das sagt, zieht der Moderator dramatisch die Augenbrauen hoch, seine Kollegin vergisst natürlich nicht hinzuzufügen, dass auch in dieser Sparte einige Lieder indiziert seien. Dann beginnt der Beitrag. Man sieht einen Auftritt von Favorite und Kollegah in Köln, die ins teils begeistert, teils apathisch wirkende Publikum "Mach die Bitch platt!" brüllen. Währenddessen erscheinen die Worte "Gangsta-Rapper" (Favorite) und "Zuhälter-Rapper" (Kollegah), schräg, nüchtern weiß, beinahe anklagend. Bei "Porno-Rapper" wird King Orgasmus One eingeblendet, die Rollen sind also klar verteilt.
Um authentisch zu wirken, werden im Anschluss Besucher des Konzerts interviewt. Junge Menschen zwischen 16 und 25. Wehrlose, durch die Musik zu sexistischen Zombies gemachte Seelen? Bestimmt. "Die Frauen wollen unterdrückt werden! Die stehen auf solche Texte, ganz einfach" darf ein stark alkoholisierter Fan Anfang zwanzig in die Kamera grölen. Bei dieser Aussage wurde in der Taff-Redaktion sicherlich begeistert geklatscht. So was will man hören, genau so muss sich ein männlicher Hip Hopper verhalten. Weil’s so schön ist, wird direkt danach ein dunkelhaariges Mädchen gezeigt, die "Normal, voll geil." sagt. Auf welche Frage sie das geantwortet hat, wird leider nicht deutlich. Man darf aber argwöhnen, dass es nicht dieselbe wie bei ihrem Vorredner war.
Zurück zu den Rappern. Von "Gangster-Rapper" Favorite, zuvor ziemlich zusammenhanglos zum Thema "hart sein" zitiert, sieht man einen Ausschnitt seines Videos "Anarcho Rap". Ich weiß nicht, vielleicht liegt es an mir, aber ist es nicht offensichtlich, dass dieses Video witzig sein soll? Wie kann jemand, der sich für sein neues Album in Gemüsekostümen ablichten lässt, ernsthaft als gewaltverherrlichend und auf Realness bedacht dargestellt werden?
Kollegah hingegen, der "Zuhälter-Rapper", der eigentlich Felix Blume heißt und laut Taff früher Malwettbewerbe gewonnen hat, darf etwas länger sprechen und sagen, dass es durchaus Frauen gibt, die Schlampen sind. "Und deshalb sage ich ganz klar: lasst euch nicht verarschen von den Weibern!" / Prosieben liest hier eine überdeutliche Herabsetzung des weiblichen Geschlechts heraus. Wolfgang Büscher ist derselben Meinung. Er ist Sprecher der Arche Berlin und war bereits bei "Maischberger" zum Thema Rap zu Gast. Weil er sich wahnsinnig mit dieser Musik auseinandergesetzt hat, weiß er: "Wenn in einem Song eine Vergewaltigung einer Frau nachgesungen und gutgeheißen wird, dann kann man danach die Uhr stellen, wann unsere Kinder das in der Tat auch praktizieren." Als Beweis für diese Aussage wird ein Internetvideo gezeigt, in dem zwei hip hoppig gekleidete Jungs einen Track nachrappen. Es klingt zwar nicht nach Vergewaltigung, aber offensichtlich geht es um Geschlechtsverkehr. Das ist offensichtlich so schrecklich, dass man unsere Jugend davor schützen muss.
Nach gut dreieinhalb minütigen Verteufelungen von sexistischen Texten im Allgemeinen, wird nun der bereits angekündigte "Porno-Rapper" gezeigt. Endlich der Akteur, dessen Lieder zum Teil wirklich indiziert sind. Sofort kommt es auch zum skandalträchtigen Höhepunkt des gesamten Beitrags: King Orgasmus One gibt acapella lyrische Perlen seines Schaffens zum Besten: "Warum wollen Mädels immer nur Quatschen? Ich scheiß auf deine Meinung, ich will ficken". Das rezitiert er mit stoischer Gelassenheit und absoluter Ernsthaftigkeit. Man möchte es sich stundenlang immer wieder anhören.
"Sex sells, vor allem im Musikgeschäft.", sagt Taff. Das wissen sie aus eigener Erfahrung, denn mit nackten Frauen verkauft sich auch das eigene Fernsehformat besser. "Eigentlich sollte das Frauenbild im Rap viel feministischer sein, allerdings würde dann ein großer Teil der kommerziellen Rapszene wegfallen. Aber jetzt mal ehrlich: wäre das so schlimm?" / diese zwei Sätze, an Wertung kaum noch zu übertreffen, bilden den Schlussteil des Berichts. Man hat sich in den Sündenpfuhl Hip Hop gewagt und ist unversehrt wieder herausgekommen. Es gab ordentlich Brüste und Ärsche zu sehen und das ein oder andere anstößige Wort ist auch gefallen. Eigentlich sollten Fernsehsendungen durch viel mehr Seriosität und Inhalt punkten, allerdings würde dann ein großer Teil der TV-Landschaft wegfallen. Aber jetzt mal ehrlich: wäre das so schlimm?
Videos aufzeichnen und ins Internet stellen geht heute ganz einfach. Jeder Idiot kann das. Das ist manchmal lustig, mitunter aber auch traurig. Bezogen auf den BRAVO-Video-Blog (bitte klicken) mit dem permanent fröhlichen Sascha ist es beides. Er ist eigentlich, wie einer dieser alten Kindersendungsmaskottchen: immer freundlich, immer voll dabei, aber unterschwellig von allen Erwachsenen gehasst. Jede Woche darf er in seinem eigenen Videotagebuch erzählen, was er so tolles erlebt hat. Oder was andere erlebt haben, denn der Alltag als Bravo-Redakteur scheint nicht sonderlich ereignisreich, geschweige denn für die breite pubertierende Masse interessant zu sein. Letzte Woche wollte er uns einen Einblick in die wohl journalistisch bahnbrechendste Redaktion Deutschlands, wenn nicht sogar der Welt, verschaffen: die der Bravo. Das filmische Eingangsbild ist bereits sehr schön, zeigt den sommersprossigen Sascha von ganz nahem und erinnert etwas an "Blair Witch Project". Mit wackelnder Kamera stürmt der 27-Jährige los und stellt seinen Arbeitskollegen die wirklich wichtigen Fragen: "Was ist dein süßes Geheimnis? Bist du verliebt? Ok, dann geh ich mal wieder!". Diese reagieren gefasst, nachsichtig, etwas als würden sie mit einem geistig minderbemittelten Kind sprechen: "Hallo Sascha.", mit gegen Ende abstürzender Stimme / das ist Freundschaft unter Mitarbeitern. Doch selbst diejenigen, die sich aufgrund der drohenden Gefahr in Richtung Ausgang schleichen wollen, kommen nicht so ohne weiteres davon. "Juliiiiaaaa, haaaaalloooo! Na, wie geht’s dir?!?", Sascha ist zu schnell für die zierliche Blondine, die einen verzweifelten letzten Blick gen rettende Bürotür wirft. Davor beehrte er bereits einen Redakteur der Hip Hop Redaktion. Dieser wirkt sehr unglücklich und von der Gesamtsituation nachhaltig geschädigt. Beinahe zwanghaft zuckt seine linke Hand in Richtung Kopfhörerkabel, vielleicht möchte er auch weiter "Lollipop" von Lil Wayne hören, sein Lieblingslied. Styletechnische Insidertipps gibt es dann von Lisa, die genau weiß, was man diesen Sommer tragen muss: "Hippie, lange Kleider, große Sonnenbrillen. Alles offen!". Sie selbst trägt ein schlammbraunes Oberteil, verrückte Accessoires und man kann fast ihre Brüste sehen. Daniel daneben ist mit seinem gelben Polohemd farbtechnisch etwas mehr en vogue und offenkundig auch cleverer als seine Kollegin. Er tut nämlich so, als würde er telefonieren. Ungelenk wird die Kamera weitergeführt, auf einen langen Gang gerichtet, man hört laute Atemgeräusche und dann / Nichts. Stille. Das Video bricht plötzlich ab. Wie bei "Blair Witch Project". Was mag passiert sein mit dem jungen Mann? War der Akku leer? Erschlug ihn Julia von hinten mit einer Tokio Hotel Papp-Figur? Oder hat er einfach nur den falschen Knopf gedrückt? Egal, das Video an sich und die Idee dahinter ist super, so was machen wir hier in Zukunft auch. Freut euch drauf!
Waffen, Koks, Nutten Pornos können sehr peinlich sein. Hip Hop und Insignien des Gangstertums auch. Wenn man also eine DVD produziert, bei der sich junge Frauen zu Beats namhafter Produzenten wie Tai Jason, Martelli und Plattenpapzt auf dem Boden wälzen und sich dabei mal mehr mal weniger mit Baseballschlägern und Knarren penetrieren, könnte das so extrem behindert sein, dass es schon wieder etwas cool ist. Theoretisch. Bei "Los Banditos Babes Deluxe" ist das aber nicht so. Das Cover, sehr straßenkredibil mit Patronen, Silberketten, zusammengerollten Scheinen und weißem Pulver verziert, stimmt einen perfekt auf das ein, was einen in den folgenden 80 Minuten erwartet: imbezile Scheiße par excellance.
Auf den "erotischen" Hauptteil möchte ich eigentlich nicht näher eingehen. Wirklich nicht. Man könnte vielleicht anmerken, dass die Aktrice "Crystal Casy" absolute Scheißbrüste hat, die offensichtlich gemacht sind, allerdings wohl zu groß und schwer für ihr Bindegewebe. In spätestens fünf Jahren prognostiziere ich meterlange Schwangerschaftsstreifen im Dekollete und was wird sie dann beruflich machen? "Queen Punany" hingegen hat gar keine Oberweite und sieht aus wie ein Typ, was sie durch das permanente Ziehen einer Schnute zu kompensieren versucht. Geil.
Währen es nur die unfassbar schlecht gestellten Softpornoszenen, könnte das ganze noch als etwas debil anmutende Sexy Sport Clips-Parodie durchgehen, aber nein, es geht ja auch um Hip Hop und deshalb gibt es auch bei den Extras noch was auf die Ohren. Zum einen beglückt uns Jonesmann mit einer videotechnisch neu interpretierten Variante seines Songs "Fick Dich". Hierbei sitzt er die halbe Zeit hinter einer offensichtlichen Nutte und beschwert sich darüber, dass diese sich wie eine Ebensolche verhalten würde und sein Herz gebrochen hat. Ok, hätte man sich denken können. Vorher. Eigentlich. Egal. Am Schluss wird sie von ihm mit einem Kissen erstickt, dramatisch fließt roter Wein über das weiße Bettlaken / hintergründige Bildsprache für Anfänger. Natürlich stirbt sie nicht, bevor der gute Jones ihr noch mal ordentlich an den falschen Brüsten rumgetatscht hat. Richtig so! Ebenfalls prominente musikalische Unterstützung erfährt dieses DVD-Machwerk durch die Herren Samy Deluxe und Manuellsen, die auch gleich den Titeltrack "R.E.S.P.E.C.T." mitliefern. Wie sollen Lieder auch sonst heißen, die für einen SOFTPORNO mit WILLIGEN, JUNGEN FRAUEN aufgenommen werden? Zu Zeilen wie "I need a girl from the hood, keine Clubbing-Hure, keine Bitch" und "Nur eine echte Lady bekommt einen Gentleman" machen die Rap-Akteure hip hoppige Bewegungen, während minderbezahlte, halbnackte Frauen lüstern am Treppengeländer herabrutschen. Findet den Fehler.
Das wunderbarste Statement folgt aber am Schluss, in einem mehrminütigen Samy Deluxe-Interview: "Ich habe mich sehr gefreut, dass wir für Manuellsen die Möglichkeit hatten, dieses hochwertige Video zu drehen". Wahnsinn.