Rapde-Redaktion - “Hoes, Flows und Meinungen” Journalistisch wertvolle Beiträge von den fabelhaften Menschen der rap.de-Redaktion.
19.08.2008
Vom Studenten zum Gengschtarepper Manchmal ist es einfach zuviel. Es kommt soviel Abstruses aufeinander, dass man irgendwann überfordert ist und nur noch grausig fasziniert und nach Atem ringend auf den Bildschirm starren kann. Gestern bescherte mir RTL2 mit seinem neuen Reallity-Format "Der Bluff" ein derartiges Erlebnis. In der um 21.15 ausgestrahlten Pilotfolge sollte aus einem Literaturstudenten im zehnten Semester, vermutlich also einem Akademikersohn ohne Ambitionen, sein Studium irgendwann zu ende zu bringen und arbeiten zu gehen, ein waschechter Gangsterrapper gemacht werden. Diese Ankündigung klang so wunderbar behindert und zugleich vielversprechend, dass ich vollmundig ankündigte, mir das Ganze anzugucken und im Anschluss daran einen Text darüber zu verfassen. Damit ihr das nicht schauen müsst, denn wir sind rap.de und opfern uns TAGTÄGLICH!! für unsere User auf.
Ich muss sagen, dass ich lange nicht mehr so gut unterhalten wurde und eben gerade fällt mir auf, dass man sich fast die gesamte Sendung bei Youtube angucken kann. Ich raste aus! Aber gut, der Text, den ich schreiben wollte, um einen Hauch von Spiegel Online in diesen Blog zu bringen. Jetzt kommt er. So.
Christian ist 28, hat eine "Muse" namens Stefanie und man könnte durchaus behaupten, dass er der Inbegriff eines Opfers ist. Dies könnte unter anderem daran liegen, dass kein Mensch, wirklich niemand und ich selbst würde mich als relativ eloquente Person bezeichnen und habe auch schonmal eine Universität von Innen gesehen, so spricht wie der zukünftige "Gangsterrapper". Einer seiner ersten Sätze lautet "Mehr als eine empirische Realität interessiert mich eine poetische Wahrheit" und wenn man ihn anschließend mit seinen Bekannten Bernd, Jörg und Armin sieht, wie sie deutsches Liedgut zum besten geben, glaubt man ihm das sofort. Der Junge ist real. "Isch weisch gar net, was des is, a Gengschtarepper! Hat des was mit Geischter zu tun?" fragt Schwester Gertrude, langjährige und tiefreligiöse Begleiterin des Studenten. Gut, der weiß es offensichtlich auch nicht, zur Erklärung wird dann ein Video von "Xatar" aus Köln oder Bonn, eventuell auch SIegburg, eingeblendet: "Kanacken überall wo isch hingeeeeh, Kanacken - überall tun sie eusch weeeeeeh" - der darauffolgende Gesang in der Hook bringt mich beinahe zum Ersticken. Das ist also Gangstarap respektive ein repräsentativer Teil der Hip Hop Kultur. AHA!
Hier fehlt auch einfach "die Freude, die Farbigkeit und die Liebe", wie Christian ganz richtig bemerkt. Seine Coaches, namentlich Ali A$, BIntia und der eben bereits erwähnte und zitierte Xatar, trifft der Rapper in spe dann in einer Garage. Den Rest der pseudo-bedrohlichen Kulisse bilden Kampfhunde, tättowierte Ein-Euro-Jobber und Nobelkarossen. Da hat RTL2 mal wieder keinerlei Kosten und Mühen gescheut.
In den folgenden fünfhundert Stunden Sendezeit wird halbherzig versucht, aus Stock-Im-Arsch-Christian so etwas wie eine coole und entspannte Person zu machen. Um die Spannung vorzeitig rauszunehmen: es klappt nicht! Obgleich man annehmen könnte, der Literaturstudent hätte in seinem bisherigen Leben zumindest schonmal ansatzweise etwas von Intonation gehört, schafft er es einfach nicht, die für ihn geschriebenen Lines glaubhaft rüberzubringen. Xatar versucht es mit einem Rollenspiel: "Stell dir vor, so Typen überfallen deine Familie. Wie würdest du reagieren? Würdest du sagen 'Ey, verpisst euch' oder "FICKT EUCH IHR NUTTEN!!!!'?". Der 28-Jährige hingegen reagiert empört und antwortet aufgebracht "Ich würde nichts dergleichen sagen!". Gähn. Danke.
Was passiert sonst noch so? Der Junge wird gestyled, ohne danach wirklich gut oder straßenkredibil auszusehen, in die "Berliner Hip Hop Szene" eingeführt, die wohl anscheinend ausschließlich aus Big Derill Mack, Bintia, Deso Dogg und Boba Fettt besteht, und Samy Deluxe schafft es großartigerweise die gesamte Tragigkomik dieser Sendung mit einem einzigen Gesichtsausdruck auf den Punkt zu bringen. Natürlich wird Christian bei seinem Auftritt am Schluss sofort als "der Bluff" enttarnt, natürlich kann er immer noch nicht rappen und natürlich sind Ali A$, Xatar und BIntia trotzdem stolz auf ihn.
Im Endeffekt habe ich seit längerem nicht mehr so ausufernd und hysterisch gelacht wie bei dieser wundervollen "Reality"-Scheiße vom Qualitätssender RTL2. Spätestens bei dem Satz "Was erregt zu eurer Heiterkeit??" von meinem neuen Homie Christian war alles aus. Ich liebe ihn. Wir sollten einen Interview mit ihm führen, denn wir sind RAP.DE, ALTER!
Graffitibox Dschäm 2008 Hip Hop braucht wieder mehr Jams. Spätestens als Sido dies im Interview mit rap.de feststellte, wurde das überdeutlich. Man ist der klinisch aufgezogenen und von Jugendzeitschriften präsentierten Mammut-Touren müde geworden, man möchte eine familiäre Atmosphäre, wahre Musiker, Herzblut. Und wenn das bedeutet, dass man den gesamten Samstag bei immer wieder aufkommendem Regen durch künstlich aufgeschütteten Sand watet, um sich Graffitis diverser Sprüher anzugucken, während auf der Bühne geschätzte fünfhundert Musiker auftreten, von denen man teilweise vielleicht zu recht noch nie vorher etwas gehört hatte, dann ist das eben so. Das ist Hip Hop, das ist real. Es gab übrigens sogar eine brennende Mülltonne und man fühlte sich somit quasi direkt in die Bronx Anfang der Neunziger zurückversetzt. Oder Ende der Achtziger. Oder in irgendeinem anderen Jahr, Hauptsache in der Bronx. Ja, die Graffitibox Summer Jam war eine großartige Veranstaltung und die fünf bis zehn Euro Eintritt definitiv wert.
Natürlich ist es immer ein bisschen anstrengend, wenn man sich wirklich alle Auftritte anschaut oder dies zumindest versucht. Auch unser hoch verehrter Chefredakteur und seines Zeichens Moderator der ganzen Jam war mit diesen Auftritten im Akkord wohl etwas überfordert. Zumindest ließ man ihn irgendwann mit den Worten "Der Host möchte bitte zur Hauptbühne kommen!" ausrufen. Die meisten Rapper hatte man fünf Minuten nach ihrem Auftritt bereits wieder vergessen, aber seien wir ehrlich: wenn alle Viertelstunde jemand anderes auftritt, kann das passieren. Im Gedächtnis geblieben ist mir allerdings MC Devo, der weiße DMX, gefangen im Körper von Vin Diesel. Mit beeindruckender Stimmpräsenz und verheerender Nachhaltigkeit schrie er seinen Hass in die Welt hinaus und fand unter den jungen, von der harten Leistungsgesellschaft desorientierten Seelen im Publikum begeisterten Anklang. So jemand kommt aus Friedenau, meine Damen und Herren, man höre und staune.
Nachdem die BackToTheRoots-FourElementsOfHipHop-Realness-Party ab 22 Uhr aus Lärmschutzgründen gegenüber der Anwohner (Bettler und Alkoholiker vom gegenüberliegenden Ostbahnhof) in die Halle des Yaam verlegt werden musste, wurde es beinahe besinnlich. Ein abgedunkelter Raum, schwitzende junge Menschen in Ekstase, Alkohol, talentierte Musiker on Stage / fast wäre ich zu "Big Bud, Mutterficker!!!!" eingenickt, so schön war es. Irgendwann hat aber alles ein Ende und man findet es nach geschätzten 14 Stunden Musik, Graffiti-Dämpfen und aufgrund der Wetterlage zu Riverdance verkommendem Gebreake auch nicht so richtig schlimm. In diesem Sinne: Hip Hop!
P.S.: Bilder von der gesamten Veranstaltung gibt es natürlich auch und zwar hier.
Alice Schwarzer und Rap - Eine Diskussion Man blickt sich um und fühlt sich etwas wie bei einer dieser Veranstaltungen, die normalerweise im großartigen "Sein"-Magazin beworben werden. "Finde dein inneres Nagetier" oder auch "So backen wir Brot aus Bäumen". Frauen mittleren Alters, klassisch bis sportlich Öko-mäßig gekleidet sind eindeutig in der Überzahl bei dieser Diskussionsrunde und an sich wäre das auch nichts außergewöhnliches, würde diese nicht unter dem Motto "Die Rolle der Frau im Hip Hop" stehen. Womöglich wurden sie von Alice Schwarzer angelockt, deren direkte Hip Hop-Affinität sich auch nicht sofort erschließt, die aber aus Prinzip zu allem eingeladen wird, was sich in irgendeiner Art und Weise auf das weibliche Geschlecht bezieht. Es muss sehr frustrierend und sehr langweilig sein, immer nur über Feminismus sprechen zu dürfen, vielleicht hat die "EMMA"-Herausgeberin deshalb zugesagt, dieser Veranstaltung im Rahmen des "We B* Girlz"-Festivals beizuwohnen. Nach eigener Aussage hätte sie zur Vorbereitung in einige Lieder "reingehört", im späteren Verlauf des Gesprächs wird sich aber der Eindruck vermitteln, sie hätte lediglich "Frauenverachtende Texte" bei Youtube eingegeben und sich daraus ihr Rap-bezogenes Weltbild zusammengereimt.
Wen hat mal also als konträre Gesprächspartner ausgesucht, damit "Hip Hop Girlz meet Alice Schwarzer" zu der erfrischenden und kontroversen Diskussion gerät, die man sich im Vorfeld versprochen hatte? Zum einen wären da die beiden Rapperinnen MC Sookee und Pyranja, des Weiteren war auch die Journalistin Bianca Ludewig geladen. Letztere überraschte mit einer Aussage, über die man sich sicherlich streiten kann. Ihrer Meinung nach gäbe es nämlich praktisch keine Frauen im Popjournalismus, die meisten würden lediglich einige Monate als Praktikantinnen ableisten und wären dann wieder von der Bildfläche verschwunden. Bereits hier wird deutlich: man hat keine Probleme mit Klischees, solange sie nicht bei einem selbst angewandt werden. Die beiden ausübenden Hip Hop-Musikerinnen der Runde rappen dann auch erstmal jeweils eine halbe Minute und man möchte nicht böse sein, aber irgendwie zwängt sich einem der Eindruck auf, dass der Grund dafür, dass beide nicht (mehr) sonderlich erfolgreich sind, nicht zwingend der ist, dass sie Frauen sind und diskriminiert werden. Moderiert wurde das Ganze übrigens von Hadnet Tesfai, den meisten wohl bekannt durch die Sendung "MTV Urban". Warum bei einer derartigen Gesprächsrunde kein einziger Mann eingeladen wurde? Keine Ahnung. Wäre interessant gewesen, gemäß dem Fall, derjenige hätte etwas mehr zur Thematik beigetragen als King Orgasmus One bei "Maischberger".
Man ist also unter sich und derart schwesterlich gestaltet sich dann auch die gut zweistündige Diskussion, die wenig klärt, dafür aber viele Fragen aufwirft. Warum zum Beispiel wird Frau Schwarzer die Möglichkeit gegeben, absolut am Thema vorbei über ihre Jugend zu sprechen, in der sie im Kleid auf Bäume kletterte und mit unrasierten Achseln an den Strand ging? Wieso findet es absolut niemand widersprüchlich und fragwürdig, wenn Pyranja zugibt, in der neunten Klasse ein großer Fan der 2Live-Crew gewesen zu sein, die Herabwürdigung der Frau in deren Texten aber weniger schlimm wäre, da es eben auf Englisch und hauptsächlich jenseits des Mainstreams stattgefunden hätte? Weshalb beschwert sich eine Sookee darüber, zuallererst einmal als Frau wahrgenommen zu werden, wenn sie dadurch im Prinzip doch keinerlei Nachteile hat? Im Endeffekt setzt sich derjenige musikalisch durch, der gut ist. Wie viel weniger Leute würden ihren Namen kennen, wäre sie einfach ein durchschnittlich rappender Mann anstelle einer mittelprächtig talentierten Mitzwanzigerin? Zweifellos ist es wichtig, sich über die Diskreditierung einzelner Gruppen bewusst zu werden und dagegen vorzugehen, aber diesbezüglich reicht es einfach nicht, sich über den "Arschficksong" aufzuregen und Künstler wie Sido, Bushido und Massiv verallgemeinernd als Vorreiter des brutalen und Jugend schädigenden Gangsterrap zu stilisieren.
Zu einer abschließenden Zusammenfassung kommt es dann auch nicht, denn Frau Schwarzer, die unter ihrer braunen Tunika übrigens keinen BH trägt, lenkt das Thema erneut auf ihre eigene Geschichte und die Angriffe, denen sie medial nahezu permanent ausgesetzt ist. Anschließend ist das Raum-Mikro freigegeben und das noch verbliebene Publikum darf seine eigene Meinung kundtun. Ein Hauch von Oliver Geissen durchweht die Alte Feuerwache in Kreuzberg, als ein Mädchen sich zu Wort meldet und ihr etwas verworren wirkendes Statement zum Thema "Warum sagen mir B-Boys, ich wäre zu dick? Das ist voll gemein!" mit dem Satz "Zu dem jungen Herren von vorhin: ich will dich nicht bloßstellen, aber deine Exfreundin…" einleitet. Dieser möchte sich anschließend verteidigen und der bei mir seit geraumer Zeit anhaltende Drang, genau JETZT gehen zu wollen, wird übermächtig. Ich bin eine Frau, ich fühle mich der Hip Hop Kultur als solcher durchaus zugehörig, aber trotzdem möchte ich mich nicht mit Aussagen a la "Rap ist Schuld an unserer sexuell desorientierten Jugend" und "Wenn ich nicht erfolgreich bin, dann liegt das daran, dass ich als Frau diskriminiert werde" identifizieren. Man kann nicht erwarten respektiert zu werden, wenn man sich selbst all zu gerne in der Rolle des unterdrückten Opfers sieht.
Die Idee hinter dieser Podiumsdiskussion war zweifelsohne eine gute, beim nächsten Mal würde man sich nur ein etwas breitgefächerteres (auch in geschlechtsspezifischer Hinsicht) Diskutanten-Feld und eine etwas kritischer nachhakender Moderatorin wünschen. Ich für meinen Teil feile mir jetzt die Fingernägel oder was man als Praktikantin sonst so macht, bevor man nach wenigen Monaten wieder im journalistischen Bermuda-Dreieck der Bedeutungslosigkeit verschwindet.