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09.02.2009
Sex, Gewalt, Drogen und Party
Wenn man an den societytechnischen Stoßpunkten in unserer schönen Hauptstadt vermehrt Rudeln von aufgestylten und wahnsinnig wichtig und herrisch um sich blickenden Menschen begegnet, bei denen man keine Ahnung hat, wer sie sind und was sie machen, sich einem durch ihr Verhalten aber trotzdem irgendwie vermittelt, dass man sie zwingend kennen müsste, dann ist einmal mehr die Berlinale. Natürlich sind auch wir, wie der gesamte restdeutsche Journalistenhaufen, begeistert und an vorderster Front dabei und deshalb waren wir gestern bei der Filmpremiere zum neuesten Projekt der Herren von Los Banditos, dem vermeintlichen Actionkracher "Kopf Oder Zahl". Der Trailer versprach wenig gewaschene und vielleicht etwas nach Moschus riechende Männer mit markigen Sprüchen, die von der ein oder anderen Prostituierten mit rauchiger Stimme flankiert werden. Um Drogen, Gewalt und die in diesem Zusammenhang so gern zitierte Migrantenproblematik ging es dann irgendwie auch noch und wenn man all das in einen Normallänge-Film presst und zusätzlich noch den Anspruch hat, die Schicksale aller Akteure "LA Crash"-mäßig miteinander zu verbinden, dann könnte man das Ganze durchaus als engagiertes Projekt bezeichnen.
Schon vor dem Titania Filmpalast in Steglitz zeigt sich das anfangs beschriebene Berlinale-Syndrom, allerdings leider ohne roten Teppich, der Ohnmacht nahen C-Promi-Fans und hysterisch Namen kreischenden Bunte-Redakteurinnen. Macht nichts, schließlich geht es um den harten Struggle auf der Straße von noch härteren Schauspielern die unfassbar harte Rollen spielen. Dementsprechend sieht man gütig darüber hinweg, dass es keinen glamourösen Empfang am Eingang gibt und das höchste der Premieren-Gefühle ein Fläschchen Prosecco mit Strohhalm ist. Meine geschätzte Kollegin Andreea und ich nehmen jeweils zwei und kommen uns, spätestens als wir andere geladene Gäste mit Armen voller Alkoholika den Kinosaal betreten sehen, überhaupt nicht dreist vor. Als der Film beginnt, macht sich etwas Spannung in mir breit. Kommt das ersehnte Action-Feuerwerk mit liebenswertem Hang zum Trashigen? Oder doch das erwartete "Alarm für Cobra 11"-Szenario, breit gezogen auf zwei Stunden und mit weniger Autos und Explosionen? Erwartungsvoll nehmen wir erste Schlucke vom Prosecco. Dann noch einen. Nach gefühlten zwei Minuten Film ist mein erstes Fläschchen leer und ich habe das dunkle Gefühl, dass ich gar nicht genug Sekt trinken kann, um die kommenden zwei Stunden zu überstehen.  Schon als die traurige Frauenstimme aus dem Off mit gewöhnungsbedürftiger Betonung anfängt davon zu erzählen, dass sie tot ist und somit keinerlei Möglichkeit hat, das nahende Ableben ihres Drogen konsumierenden Sohnes, der im Heim lebt, nachdem sein Zuhälter-Vater verknackt wurde, zu verhindern, ahne ich Unheilvolles. 24 Stunden im Leben verschiedener Charaktere, deren Schicksale sich zunehmend miteinander verflechten bis man irgendwann nur noch einen einzigen Handlungsstrang hat, der sich gen Schluss auflöst, gerade so, als hätte Alexander der Große den gordischen Knoten durchschlagen. Mit seinem Schwert. Kann funktionieren, hat man bei geschätzten fünfzig ähnlich gestrickten Filmen auch schon gesehen. Bei "Kopf Oder Zahl" klappt das allerdings nicht, was unter anderem daran liegen kann, dass wir es hier nicht mit einem Strang, sondern einem heillosen Geknäuel von Fäden zu tun haben, deren Entwirrung einem nur bedingt bis gar nicht gelingt. Ein bisschen so, als würde man seinen MP3-Player aus der Tasche ziehen und erst einmal drei Stunden lang die Kopfhörerkabel auseinanderfitzeln.
Vielleicht habe ich aber auch nur die entscheidende Szene verpasst, als ich kurz für zehn Minuten auf die Toilette entschwand, und eigentlich ergibt zum Schluss alles Sinn. Vielleicht aber auch nicht und ich hätte es den Leuten gleichtun sollen, die einfach mitten in der Aufführung aufgestanden und auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind. Wirklich, ich habe nichts gegen Filme, in denen es um Drogen, Sex, Gewalt und Zwangsprostitution geht, aber dann muss es doch bitte auch zumindest den Versuch einer schlüssigen Handlung geben! Etwas enttäuscht machen wir uns also auf den Weg zur wahnsinnig verheißungsvoll klingenden Aftershowparty im Grand Hotel Esplanade am Lützowufer und freuen uns auf verspielt-dekadente Häppchen sowie edle Tropfen aus teuren Gläsern. Weil aber die zerbrechlich dünnen Schauspielerinnen nach Monaten der drehtechnischen Entbehrungen wahnsinnigen Hunger hatten, ist innerhalb von einer halben Stunde absolut gar nichts mehr da, außer Nachtisch, der, wie Mixery Raw Deluxe-Falk verkündet, definitiv nicht gut schmeckt. Stars sind nicht unbedingt da und eigentlich hatte man sich das alles etwas elitärer und schöner vorgestellt. Trotzdem war es natürlich wahnsinnig witzig und man traf Leute, die auch aus Hip Hop-spezifischer Sicht interessant sind. So zum Beispiel Massiv, Xatar, Plattenpapzt, die halbe Selfmade-Clique und nicht zuletzt auch Afrob, der ja schließlich einer der Hauptdarsteller des Films ist.
 Einen investigativen "Oh. Mein Gott. Wir stehen hier auf der Aftershowparty der Filmpremiere und da hinten ist gerade Ralf Richter langgelaufen"-Backstagebericht später drängt sich mir der Eindruck auf, dass es eigentlich überhaupt niemanden gibt, der die Story des Films nachvollziehen konnte. Weil ich aber ein neugieriger Mensch bin, habe ich mich heute auf die offizielle Website der Produktion begeben und siehe da, plötzlich wird alles klar. Was da in den erklärenden Texten zu den einzelnen Charakteren erzählt wird, habe ich so in diesem Machwerk ü-ber-haupt-nicht mitgekriegt. Da haben wir zum Beispiel die Figur einer türkischen Mutter, die das Klischee des sorgenden und angepassten Heimchens mehr als ausreichend verkörpert. Sie sieht unscheinbar aus und sie tut unscheinbare Dinge. In dem Text der "Los Banditos"-Jungs liest sich das allerdings folgendermaßen: "Während Jafar, der Vater sein Heil in religiösem Fanatismus sucht, strebt Massaome, seine Frau an, so angepasst, wie möglich zu sein. Dieser Wunsch äußert sich bei ihr vor allem in ihren kitschigen Markenklamotten, die sie selbst allerdings für äußerst modisch hält." (Kommafehler sind nicht die Schuld der federführenden Redakteurin. Der Text wurde Eins zu Eins von der Website übernommen) Schön auch, dass die Rolle von Jenny Elvers-Elbertzhagen keinen Namen trägt. Sie wird einfach nur als "blinde Prostituierte" bezeichnet, ist geschätzte zwei Minuten zu sehen und darf ungefähr vier Sätze sagen. Gerne würde man sie fragen, ob das die Rolle ihres Lebens war, leider ergab sich die Möglichkeit dazu am gestrigen Abend aber nicht. Warum sie eigentlich blind ist und was sie genau mit dem Plot zu tun hat: keine Ahnung. Gott sei Dank erfährt man aber auch das im offiziellen Charakter beschreibenden Text: "Sie ist eine alte Freundin von Richie obwohl er vor Jahren ihr Zuhälter war. Ihre Augenlicht hat sie eines Nachts verloren als sie bei der Arbeit auf der Straße vergewaltigt wurde. Sie glaubt daß es ein verdeckter Ermittler der Polizei war der ihr dies angetan hat. Doch beweisen kann sie es nicht." So so. Trotz aller Kritik möchte ich Euch, liebe Leser, keinesfalls davon abhalten, "Kopf Oder Zahl" anzugucken. Gerne seid Ihr im Anschluss daran auch dazu aufgerufen, eure eigene Interpretation der Geschehnisse in diesem Film abzugeben. Es geht um ein Kilo Heroin. Es geht um Nutten. Man sieht Geschlechtsorgane von weitem und Brüste von Nahem. Männer und Frauen küssen sich. Männer und Männer küssen sich. Ob sich auch Frauen und Frauen küssen, weiß ich nicht mehr so genau, aber bestimmt. Ansonsten: Natürlich werden wir auch bei der Premiere von "Notorious" am kommenden Mittwoch am Start sein und wenn es nicht spektakulär und super wird, dann… Egal, es wird spektakulär und super. Wir freuen uns, ich hoffe Ihr auch. 
lisa
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07.02.2009
10 Minuten
Heute, an diesem Samstagmittag geschah etwas Besonderes. Wie das so ist am Wochenende, lümmelt man nach dem Essen ein bisschen auf dem Sofa rum und zappt durchs Fernsehen. Wie so oft. Und dabei geschah etwas, das ich schon lange nicht mehr für möglich gehalten hatte. Ich sah mir Viva an. Für 10 Minuten. 10 Minuten, in denen nur Musik lief. Gute Musik. Ohne Alex Cs, Reality Shows, Werbeunterbrechung, ohne Klingeltöne, Mobile Spys und Crazy Frogs. Zunächst kam ein Song namens "Sneakernight" von einer jungen Künstlerin namens Vanessa Hudgens, deren Musik mir bis dahin unbekannt gewesen ist. Danach Peter Fox mit "Haus am See" und zuletzt "Run" von Amy Macdonald. Drei Lieder, die sehr unterschiedlich, aber alle drei auf ihre eigene Art und Weise sehr gut sind. Man muss sie eigentlich auch nicht mal gut finden, es reicht eigentlich schon, dass die drei allesamt ein gewisses Level an Qualität vorweise können. Das waren 10 Minuten, in denen das deutsche Musikfernsehn so war, wie ich sein sollte. Und es war traumhaft. In diesen 10 Minuten liebte ich Viva. Leider nahm dieser Moment der Glückseligkeit mit dem Remake des Neunziger Jahre Ohrwurms von 2Unlimited "No Limit" ein jähes Ende. Aber immerhin. 10 Minuten.
thomas aka die neue lisa
PS: Das hat eigentlich nichts damit zu tun, aber beim Gegenlesen des Textes musste ich kurz an diese Ansprache denken. Vielleicht kann sich ja der ein oder andere von euch noch daran erinnern.
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