Rapde-Redaktion - “Hoes, Flows und Meinungen” Journalistisch wertvolle Beiträge von den fabelhaften Menschen der rap.de-Redaktion.
22.07.2009
Pussyjournalismus
Das Web 2.0. mit all seinen Möglichkeiten bedeutet im journalistischen Bereich Fluch und Segen zugleich. Insbesondere im online Bereich hat sich in die teils Hobby teils semi-professionellen Redaktionen Rapdeutschlands eine durchaus unangenehme Attitüde eingeschlichen, der PUSSYJOURNALISMUS. Was ich darunter verstehe und warum das weder den direkt Beteiligten noch dem Leser etwas bringt, könnt ihr auf meiner MySpace-Seite nachlesen.
"Einleitend: Ich möchte mich heute mit einem Thema beschäftigen, was absolut Personen- und Geschlechts unabhängig zu betrachten ist. Wer sich angesprochen fühlt, darf dies gerne tun, mich im Anschluss aber nicht dafür verantwortlich machen. Im Folgenden werde ich meine Vorstellung von modernem Musikjournalismus insbesondere im Hip Hop Bereich darlegen. Das ist nichts, was ich als allgemeingültig deklarieren möchte. Hierbei handelt es sich lediglich um meine Meinung, subjektive Eindrücke und ab und an vielleicht auch ein bisschen Polemik. Wie ich erfahren durfte, bin ich allerdings nicht die Einzige, die so denkt, und die Tatsache bestärkt mich natürlich in diesem Blog. Kommen wir nun aber zum Wesentlichen..."
Eko Fresh kann guten Gewissens als der experimentierfreudigste Mann im deutschen Rapbiz bezeichnet werden. Die einen warfen ihm vor, sich verzweifelt in allem auszuprobieren, um dann doch irgendwann einmal den großen und nachhaltigen kommerziellen Durchbruch zu schaffen, andere lobten die Vielseitigkeit des zweifelsohne außergewöhnlich talentierten MCs. In jedem Fall erlebte seine Karriere den ein oder anderen unübersehbaren Knick, was ihm eine mittlerweile wohl unüberschaubare Menge an Hatern in Fan- und auch Künstlerkreisen eingebracht hat. Dabei hatte bei einer selbst organisierten Jam in Mönchengladbach alles so gut angefangen, als der große Savas aus Berlin den damals fast 18-jährigen Ekrem unter seine Fittiche nahm. Diese Zusammenarbeit führte zu der mittlerweile Kult-Status inne habenden EP "Jetzt Kommen Wir Auf Die Sachen" und nun, nach R’n’B-Projekten, ersguterjunge-produzierten Ghettorap-Ausflügen und einem Album, bei dem Eko vom Geiste Tupacs besessen schien, schließt sich der Kreis. Der Wahl-Kölner kehrt zurück an den Anfang seiner Karriere, als er noch voller Zuversicht in die Zukunft blickte. Der ein oder andere Traum mag seither zerplatzt sein, inwiefern sich auf "Jetzt Kommen Wir Wieder Auf Die Sachen" der Geist vergangener Tage wieder beleben lässt, ist eine Frage, die uns wohl nicht nur redaktionsintern beschäftigt.
Am 21. August soll das Werk über Sony erscheinen, im Zuge des Releases wurde nun auf ekofresh.de eine Art Dokumentation über den Werdegang des German Dream-Chefs veröffentlicht, in dem gut halbstündigen Video kommen Wegbegleiter ebenso wie der Hauptakteur selbst zu Wort. In einem Interview mit der am Freitag erscheinenden JUICE spricht Herr Bora außerdem darüber, dass Bushido ihm eine Art kommerzielles CCN-Kollaboprojekt versprochen haben soll. Auf der dem Heft beiliegenden CD befindet sich außerdem ein exklusives Medley aus seiner 2001 erschienen EP.
Heute bei der Newssuche fand ich eine der Überschriften, wie ich sie liebe. Auf seiner Internetpräsenz formulierte das Wiesbadener Tageblatt folgenden Sachverhalt: "Der Banker-Look ist 'out’ und Bling-Bling 'in’". Allein die Tatsache, dass die Begriffe "in" und "out" in Anführungszeichen gesetzt werden, als wären sie eine nicht weiter identifizierbare Wort-Spezies, von der man sich eigentlich distanzieren möchte, impliziert schon, dass dieser Text von einem der Redakteure geschrieben wurde, der aufgrund der anhaltenden Schweinegrippe erkrankten Mitarbeiter aus dem Kaninchenzüchter-Lokalteil ins Lifestyle-Ressort berufen wurde.
Ich fing also begierig an zu lesen. Innerhalb kürzester Zeit vermittelte sich mir das folgende Bild eines Bankangestellten-Daseins: Es ist früher Abend. Die Straßen sind verstopft, müde Familienväter und dynamische Karriere-Frauen trommeln genervt auf den Lenkrädern ihrer Autos herum und sehnen wahlweise ein kühles Bier oder ein warmes Entspannungsbad herbei. Nur die Banker haben ihre Büros noch nicht verlassen. Sie müssen sich erst auf ihren Eintritt ins öffentliche Leben vorbereiten. Das Dasein außerhalb des Bank-Komplexes. Gemäß der firmeninternen Rangordnung wird sich nacheinander auf die Toilettenkabinen verteilt und nahezu synchron entkleidet. Anzüge und Krawatten weichen versilberten Ketten und debil glitzernden Designer-Shirts, dezente Business-Schuhe werden gegen schillernde Sneakers aus der Kanye West-Kollektion eingetauscht.
Auszubildende, die keine Zeit haben, um darauf zu warten, endlich an die Reihe zu kommen, flüchten sich unter panischem Umblicken in Telefonzellen und transformieren sich dort Superman-like in eine Person des öffentlichen Lebens. "Bis zum letzten Herbst hat es mir nichts ausgemacht, als Banker erkannt zu werden. Es ergaben sich dann oft interessante Gespräche", sagt Bankkaufmann Max Schulze und irgendwie kann man sich sehr gut vorstellen, dass ihm im Anschluss an diese Worte ein eiskalter Schauder über den Rücken rinnt. "Aber jetzt erwische ich mich dabei, wie ich mich nicht mehr so offen zu erkennen gebe. Ich will anstrengenden Diskussionen über Raffgier, Boni und Abzocke entgehen. Anstatt nach der Arbeit mit Krawatte und Sakko in den Biergarten zu gehen, ziehe ich mich heute lieber um."
Wie Weltwirtschafts- und Bankenkrise am Nervenkostüm unserer Bankangestellten rütteln, treibt uns sicherlich allen die Tränen in die Augen. Zu Recht! Beim Weltfinanzgipfel in London wurde den Teilnehmern sogar empfohlen, sich keinesfalls in Business-Kleidung zu hüllen und somit Angriffen durch Aktivisten vorzubeugen. Diese Angst führt zu dramatischen Verkaufseinbrüchen im Anzug-Gewerbe, während vermeintlich trashige, mit den "Insignien der Unterschicht" spielende Marken wie Ed Hardy und Picaldi wirtschaftlich so gut dastehen wie nie zuvor. Trotzdem gibt Oliver Bachmann, Mitarbeiter der mir bisher unbekannten Zeitschrift "TextilWirtschaft" zu bedenken: "Es sind natürlich nicht immer die gleichen Leute, die jetzt keine Anzüge mehr kaufen und auf diesen Style umsatteln. So schnell geht das nicht."
Schade. Ich hatte mich schon auf Iced-Out Schalterpersonal mit Grillz gefreut.