|
03.09.2009
Im Bus mit Xavier Naidoo
12:46: Ich erreiche mit gewaltigen Schweißflecken unter den Armen, das Hotel Intercontinental. Der rote Bus ist, nicht wie auf der Einladung angegeben, nicht mit riesigen Davidsternen geschmückt. Schade.
12:50: Merle, die Betreuerin der Bus-Tour, begrüßt mich und weißt mich daraufhin, bitte keine Aufnahmegeräte mit mir zu führen. Wegen dem neuen Album und so.
12:57: Xavier Naidoo kommt mit einem Tretroller angefahren. Gelbes Shirt, khaki Hose. Und gigantische Ohrläppchen. Man, solche Ohrläppchen habe ich noch nie gesehen. Trotzdem ist Kurti, wie ihn seine Freunde liebevoll nennen, gar nicht arrogant. Er befiehlt uns auch nicht, dass wir ihn Saviour nennen sollen. Auch schade!
13:00 Im Bus nehmen Platz:
-Gernold, vom Journalistenalltag gegerbter Mitt-50er. Riecht nach teuren Parfüm und trägt ein gestärktes Hemd. Mag Wagner und Bob Dylan. Trotz seines Alters Frauenheld.
-Gerd, vom Journalistenalltag verunstalteter Mitt-30er. Riecht nach garnichts und trägt ein uninteressantes Hemd. Ist durch die harte Journalistenschule der Schülerzeitungen und der Mikrowellengerichte gegangen. Mag Silbermond und Delfine. Trotz seines Alters Jungfrau. Sieht aus wie ein wandelndes Nappo. Rhombus auf Beinen.
-Andreas: Ist mit dabei, hat gruselige, schwarze Augenringe und grinst ziemlich viel. Sonst nichts besonderes.
-Uli: Musikradio-Typ. Trägt braune Turnschuhe, die in erster Linie bequem sein sollen. Das sind sie bestimmt. Ansonsten: Mann ohne Leidenschaften.
Merle: PR-Betreuerin, oder so.Lieblingsmusik: Xavier Naidoo. Was auch sonst.
Suse: Suse hat auch irgendwas mit Xavier zu tun, was genau lässt sich nicht erschließen. Lacht schrill und guckt dabei aufmunternd in die Runde. Etwas traurig wirkende Mitt-40erin, mit sehr jugendlichen Klamotten. Hat sich damals das allererste Blackberry gekauft!
Mädchen 1: Mädchen 1 ist einfach dabei und reicht Evian-Wasser und Essensbeutel.
Xavier: Ohne Worte.
13:04: Der Bus ist angenehm kühl, es werden Essenskörbe mit Obst, Oreo-Keksen und Duplo-Riegeln aufgetischt, Gerd reibt sich aufgeregt die Handinnenflächen gegen die Jeans. Er hat außerdem ein Reißbrett mit dabei, das er gerade auf den Tisch legt. Parallel dazu legt er einen Stift. "Hühnerparadies Zehdenick" steht darauf.
13:05: Xavier heißt uns alle recht herzlich willkommen und beginnt dann ziemlich schnell damit, seine neue CD zu präsentieren. Die heißt "Alles kann besser werden" und ist in drei Teile gegliedert, der eine ist "ehä so dä postivä part", während die anderen Parts immer düsterer werden. Der dritte Teil der CD soll so düster sein, dass er nicht für Kinder und Trauernde geeignet ist. Auf die Nachfrage vor Gernold, ob wir diesen Teil auch hören dürfen, verneint Xavier klipp und klar. Das sei jetzt nichts, das sei zu viel.
13:06: Die CD geht los. Oh Mann! Oh Mann!
13:08: Erster Track zu Ende. Stille. Gernold bricht das Schweigen und sagt: "Der war geil!" Während der ganzen Zeit hat Gerd, der neben mir sitzt eifrig mitgeschrieben und Textpassagen herausgeschrieben, jetzt gönnt er sich erstmal ein Hanuta, dem noch viele folgen werden.
13:09: Xavier spielt weitere Tracks aus seinem positiven Album. Ein Lied hat er anscheinend mit einer jungen Frau aus Irland gemacht, die an der Pop-Akademie lernt, wo er Dozent ist. Oho! Danach verfällt er in ein apathisches Schweigen und wiegt seinen Oberkörper auf und ab, während er sich an dem Mischpult der Anlage festhält.
13:15: Irgendwo in der Nähe des Siemensdamms sagt Xavier, dass Menschen mit musischen Talenten schlecht in Mathe sind. Uli sagt, dass er dann ja ein Supermusiker sein müsste. Schallendes Gelächter. Hahahahahahahahaha! Der war echt gut, Uli! Man, Uli! Uli grinst schief und wehrt mit erhobenen Händen die Komplimente ab. Xavier streichelt ihm kurz über die Wange!
13:21: Ich wippe die ganze Zeit mit den Füßen mit, dass gibt Suse, die auch neben mir sitzt, die Möglichkeit mit mir ein Gespräch zu beginnen. "Hahahahahahahah, bist du auch schlecht in Mathe gewesen?!" Dabei schlägt sie ihre Hand auf meinen Oberschenkel, und lässt sie dort etwas länger als nötig.
13:30: Die Lieder handeln oft von Hoffnung.
13:34: Die ersten Fresspakete werden geplündert. Es gibt Sandwiches mit gehackten Oliven. Köstlich. Gerd bricht seine erste Packung Oreos an. Dabei nagt er erst die Füllung ab und legt die Keksdeckel in symmetrischen Mustern auf den Tisch. Danach isst er auch diese. Als aus Versehen zu sehr in seine Richtung rutsche, schlägt er mir mit der Faust in die Seite und stiert mich an. Seine Augen funkeln ganz komisch. "Das ist meins, Verpiss dich, du kleiner Ficker" zischelt er. Toll.
13:45: Erreichen Brandenburg.
13:47: Xavier bewegt sich immer schneller im Takt, anscheinend bewegt sich das Album dem Höhepunkt zu. Das erkennt auch Merle, und guckt uns aufmunternd an. Als immer noch nicht die erwünschte Reaktion eintritt, fängt sie an, in die Hände zu klatschen und dabei rhythmisch "Hey! Hey! Hey!" zu rufen. Nach anfänglicher Betroffenheit knickt auch Gerd ein und fängt an zu klatschen. Nach und nach fängt jeder an zu klatschen! Wie gut dieses Album ist! Was für ein Glück es für uns ist, hier zu sein! Xavier! Saviour! Schweiß rinnt uns vom Gesicht, doch langsam ebbt die Musik ab! Nein! Warum denn? Wir sacken in unsere Sessel zusammen. Xavier blickt uns herausfordernd an. "Dont mäss with God, hmhmhm", schmunzelt er.
14:00 Weiter Musik, irgendwas mit Söldnern.
14:05: Eines der Lieder hat einen wirklich guten Beat, ich zucke mit den Füßen mit. Suse grinst mich an und beugt sich zu mir. "Hahahahahaha" Bist du Drummer?!" "Öhh...Nee..." "Hahahahahaha, weil du so mit den Füßen mitmachst, Hahahaha!" "Hahahahahahaha!" Während wir gemeinsam lachen, steckt sie mir ihren Finger ins Ohr. Ich grinse gequält und fixiere einen Punkt am Fenster.
14:20: Wir erreichen wieder Berlin.
14:23: Fast unbemerkt stopft Gerd sich ein Duplo in die Hose. Xavier sieht ihn dabei und presst die Lippen so fest aufeinander, dass sie ganz schmal werden. Jetzt sieht er gar nicht mehr so fröhlich aus, wie sonst. Gerd beginnt wahnsinnig zu schwitzen. Xavier sagt kein Wort, die anderen lauschen weiterhin der Musik und bemerken nicht, was um sie herum passiert. "Ist das recht?", fragt Xavier? "N-n-n-nein, Herr Naidoo, das ist es nicht!" stottert Gerd. "Nenn mich Saviour", sagt Xavier in einem versöhnlicheren Ton. Gerd legt das Duplo zurück.
14:25: Xavier zeigt uns einen etwas schmierigen Track auf dem Album: "Sie ist meine Muse/ Ich sehe ihren Busen/ Unter ihrer Bluse!" Xavier erzählt, dass er das Album erst "Dunkhell" nennen wollte, weil da auch das Wort "hell" im Sinne von "erleuchtet" drin steckt. Suse merkt an, dass "Hell" auch "Hölle" heißen könnte. Den Satz findet sie so gut, das sie immer schriller zu lachen anfängt! "Hell, HAHAHAHAHA, Hölle..Verst..HAHAHA...Verstehst Du!" In diesen Augenblicken fällt der ganze Frust und der Stress ihres Lebens ab. Immer lauter und unangenehmer wird das Lachen. Augen werden verdreht. Andreas fragt nervös, wo denn hier die Toilette sei, er müsse ganz nötig.
14:37: Xavier erzählt, dass er Barack Obama eigentlich noch viel schlimmer findet als George Bush, weil Obama die Banken bezuschusst. Suse sagt, dass der doch aber den Rassismus bekämpfen würde. Xavier schüttelt traurig den Kopf. Was wissen wir schon.
14:47: Kleine Restplauderstunde mit Xavier. Der sagt, dass er nicht gegen die NPD kämpfen möchte, weil er nicht mal deren Namen in den Mund nehmen möchte. Sagt, dass er die letzten Jahre nicht gewählt hat. Sagt, dass er nicht weiß, ob er diese Jahr wählen wird. Sagt, dass er auf jeden Fall nicht die Grünen wählen wird. Sagt, dass er verwundert darüber ist, was Afrob da im Rap.de-Interview gesagt hat.
14:55: Die Fahrt ist zu Ende. Alle steigen aus. Xavier verabschiedet mich mit HipHop-Handshake. Ha!
moritz.
[ 7 Kommentare / Kommentieren / Versenden / RSS Abonieren ]
|