Doppelreview: Hiob „Drama Konkret“ / Absztrakkt „Diamantgeiszt“

Als Kool Savas oder Aggro Berlin zur Jahrtausendwende mit harten Texten und neuen Styles das bis dahin verweichlichte Rapgame aufmischten und das Motto „Rap braucht kein Abitur“ lautete, war nicht viel Platz für zurückhaltende Texte und tiefsinnige Aussagen. Intellektuelle Vertreter schienen plötzlich der Lächerlichkeit preisgegeben und hatten das teilweise durch Überheblichkeit oder Unfähigkeit selbst verschuldet. Viele Jahre schienen sich anspruchsvolles Niveau und überdurchschnittliche Rapskillz gegenseitig auszuschließen – von einer gelungenen musikalischen Untermalung der Raps mal ganz abgesehen. Doch war dieser Eindruck nur das Ergebnis einer oberflächlicher Betrachtung, denn von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet ist seit längerem eine neue Generation herangereift, die bewährte Konzepte weiterentwickelt und zu neuen Styles kombiniert hat. Zum Beispiel Absztrakkt und Hiob.

Absztrakkt veröffentlichte 2001 die erste EP mit DJ Eule über das Underground-Label Put Da Needle To Da Records, auf dem, lustige Nebensächlichkeit am Rande, auch Kool Savas seine ersten musikalischen Gehversuche unternahm. „Diamantgeizst“ ist sein dritte Soloalbum. Musikalisch sozialisiert wurden er und seine Lüdenscheider Kollegen vom X-Men Klans im Umkreis von Roey Marquis II, mit dem auch ein ganzes Kollaboalbum entstanden ist. Hiobs erstes Soloalbum „Fragmente“ wiederum erschien unter seinem früheren Pseudonym V-Mann 2004 als Tape über das Minilabel Funkviertel. Mittlerweile hat Hiob dieses Frühwerk nachträglich zum Mixtape degradiert und bezeichnet „Drama Konkret“ als sein erstes Soloalbum.

Absztrakt setzt auf „Diamantgeiszt“ seinen bisherigen Weg konsequent fort. AsiatischeLebensweisheiten, buddhistische Philosophien werden mit harten, straighten und vor allem intelligenten Battle-Raps verquickt. Diese gehen nicht unter die Gürtellinie, sondern nehmen den Gegner auf der spirituellen Ebene auseinander. Dazu passt die Musik: Asiatische Klänge treffen auf minimalistische, harte Beats. Manchmal wirkt diese Kombination ohne irgendwelche Schnörkel schon fast zu trocken, zumal Absztrakkt keine Featuregäste präsentiert. Die braucht es aber auch gar nicht. Absztrakkt wechselt oft die Rollen und Sichtweisen in seinen Texten, deshalb muss man den Reimen und Sinnbildern aufmerksam folgen, um den Inhalt zu erfassen. Meist analysiert sich Absztrakkt selbst und gibt dabei Erkenntnisse und Fragestellungen weiter.

Natürlich gibt es auch die raptypischen Selbstbeweihräucherungen: „[…] Ich wurde bei einer günstigen Konstellation der Sterne gebor´n / Die Nachbarn freute es. Doch sie fanden es seltsam / Denn noch Wochen nachdem ich zur Welt kam, kreuzten sich Regenbögen über der Wohnung meiner Eltern. / Meine Ma hatte bei der Geburt keinerlei Schmerzen. / Sie sang Freiheitslieder aus vollem Herzen“ heißt es in der letzten Strophe von „Schützer des Glüx“. Stimmgewaltig und hart kickt Absztrakkt seine Raps über die auf das notwendigste reduzierten Beats. Dadurch hämmert er seine Message regelrecht durch die Gehörgänge in die Gehirnwindungen. Refrains mit Hitpotential oder gefällige Melodien sucht man vergeblich.

Produziert wurde das Album komplett von Influenza´s Finest aus Hannover. Als Vergleich kann man durchaus den Sound des Wu-Tang Clans sowie weiterer Künstler aus diesem Dunstkreis heranziehen. Die Wurzeln der Beats liegen klar im Eastcoast-Sound der 90er Jahre. Durch diese Verbindung von speziellem Rapsound und geistigen Anspruch der Texte schrumpft Absztrakkt von vornherein die Zielgruppe. Aber wie Absztrakkt selbst sagt: „Ich will mit meiner Musik sowieso keine Fans, ich will Gleichgesinnte erreichen. Ich will nur Friends.“ Ein Reisebericht der Selbstfindung für den Liebhaber speziellen Raps.

Hiob wiedeurm fuhr auf den letzten beiden Alben mit Morlockk Dilemma ebenfalls eine sehr spezielle Schiene, zu düsteren Soundcollagen aus Science-Fiction- und Agenten-Filmen der 70er lieferte das Duo Weltuntergangsszenarien und apokalyptische Visionen. Im Gegensatz zu Absztrakkt war nicht klar, welche Richtung der gebürtige Ostberliner auf seinen Soloweg einschlagen würde, auf seinen älteren Veröffentlichungen hatte er noch eher makrosoziologische Studien aus seinem Kiez geliefert. Auch der Titel „Drama Konkret“ ließ Interpretationsmöglichkeiten in alle möglichen Richtungen zu. Ein Blick auf die Featureliste (Morlockk Dilemma, Pierre Sonality, Sylabil Spill, Lunte und Yassin) gab erste Hinweise auf einen Mix aus Battlerap und Themensongs, die sich um globale, lokale und persönliche Angelegenheiten drehen. Hiob braut in seinem Meth-Labor schon seit längerer Zeit als Hieronymuz Beats zusammen, auf „Drama Konkret“ verzichtet er vollständig auf Fremdproduktionen. Das gibt ihm dieFreiheit, musikalische Details auf die Texte abzustimmen bzw. andersherum. Auch hier schöpfen die Beats aus der Kraft der Golden Era, verbinden sich aber zudem mit fetten Funksounds und grotesken Samples zu einem sehr organischen Soundgebilde.

Beim Battlertack „Aschenputtelkomplex“ mit Sylabil Spill wird das E-Piano  mit nur kurz angespielten Riffs spärlich ins Spiel gebracht. Genauso dezent klopft der Beat im Hintergrund wie ein Uhrwerk und bietet die perfekte Grundlage, um Punchlines ins Ziel zu bringen. „Blankoscheck“  hingegen greift das Feeling der Oldschooltracks kongenial auf. Obwohl viele Songs eher schleppend und melancholisch wirken, bringen groovendene Beats, Scratches und teilweise fast schon absurde Klänge Lebendigkeit ins Spiel und sorgen für eine durchaus positive Grundstimmung.

Überraschend auch, mit welcher Leichtigkeit Hiob über die Beats geht: Versuchte er zu „Fragmente„-Zeiten noch bei jedem Song krampfhaft so viele Silben wie möglich in einer Zeile unterzubringen, spielt er nun viel mehr mit seinen Möglichkeiten und schaltet diesen Modus akzentuierter ein. Dadurch vermittelt er deutlich mehr Lässigkeit, ohne merklich an Geschwindigkeit einzubüßen. Schier unglaublich ist der Refrain von „Alles“: Wie Hiob dort die Worte auseinanderzieht, grenzt an Genialität oder Wahnsinn. Wahrscheinlich an beidem.

Textlich hat sich Hiob auch nicht lumpen lassen. Hinter schlichten Titel wie „Gardine“, „Zement“ oder „Oktober“ verstecken sich Stories, die zwar einfache Themen aufgreifen, aber durch Detailreichtum und sprachliche Gewandtheit zu glänzen wissen. Manchmal endet das soweit vom Ausgangspunkt entfernt, dass man nur anerkennend mit dem Kopf schütteln kann. Hiob ist mittlerweile ein echter Kiezpoet geworden, der sich in der Gosse genauso gut wie in der  Bibliothek auskennt. Durch all diese Facetten kann Hiob mit allen Songs seine Stärken ausspielen, die zudem musikalisch perfekt dem Thema angepasst sind. Kurzum: Mit „Drama Konkret“ hat Hiob ein verdammtes Meisterwerk geschaffen.

Beide Rapper haben, aufbauend auf ihren bisherigen Arbeiten und ohne falsche Kompromisse einzugehen, eine deutliche Steigerung hingelegt. Dadurch sind zwei einzigartige, durchweg überzeugende Werke entstanden, die die deutsche Raplandschaft um eine weitere, wenn auch etwas abseitige Facette bereichern.

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