K.I.Z. – Sexismus Gegen Rechts

Es gibt nicht viele Alben, denen ich schon Monate im Voraus entgegenfiebere. Vielleicht höre ich beim ein oder anderen Release unmittelbar nach Erscheinen hier in der Redaktion rein und eventuell interessiert es mich auch, was die rappende Gelddruckmaschine Bushido auf ihrem neuesten Werk so ausspuckt, tatsächliche Vorfreude sieht aber anders aus. K.I.Z. dürfen sich also durchaus in einer erhabenen Position wähnen, wenn ich nach "Hahnenkampf“ ganze zwei Jahre lang begierig auf neuen Stuff von den Kannibalen in Zivil gewartet habe. Zumindest der kommerzielle Erfolg gibt den vier Berlinern mehr als Recht: Das Nachfolge-Werk "Sexismus Gegen Rechts“ stieg auf Platz Sieben der Media Control Charts ein. Das bedeutet allerdings auch: Man ist nach der letzten CD, die bereits auf Platz Neun platzieren konnte, endgültig im Mainstream angekommen, obwohl man wohl alles Erdenkliche dagegen getan hat.

Man fragt sich, ob es Sil-Yan, Maxim, Nico und Tarek eigentlich manchmal unheimlich ist, wie mitunter kompromisslos sie sowohl von Anti-Hip Hop Punkern, als auch vom gutbürgerlichen Feuilleton gefeiert werden. Ob es überhaupt noch Spaß macht, auf humorige Art und Weise das Establishment anzufeinden, wenn es selbst begeistert in die Hände klatscht, sich Lachtränen aus den Augen wischt und sich denkt "Ach, diese Jungs. So ungezogen, aber zugleich auch so liebenswert!

K.I.Z. vereinen auf ihrem neuesten Werk nicht nur einmal mehr wüste Beschimpfungen und Fäkalien-Themen mit intelligentem Wortwitz und schmissigen Mitgröhl-Hooklines, auch die musikalische wie inhaltliche Vielfalt macht "Sexismus Gegen Rechts“ zu einem Werk, dem man jede Minute, die daran gearbeitet wurde, anhört. Egal ob  auf eine beinahe widerlich-anbiedernde Souligkeit über das romantische Moment von Analverkehr geschmachtet oder als krasser musikalischer Gegensatz dazu, in der Punk-Nummer "Klopapier“ andere Betätigungsfelder des Anus detailreich begrölt werden – die Kannibalen haben sich in ihren Wortschatz vom kommerziellen Erfolg nicht beschneiden lassen und liefern nach wie vor Musik ab, die man nicht unbedingt der eigenen Großmutter vorspielen möchte, trotzdem haftet dem Ganzen eine gewisse Routiniertheit im krass sein an. Man ist in der eigenen Unberechenbarkeit berechenbar, vielleicht sogar "erwachsen“ geworden.

Erwachsen auch in dem Sinne, dass Tracks wie dem vermeintlichen Solidaritäts-Song an leidgeplagte Banker ("Rauher Wind“) oder "Selbstjustiz“ mit Zeilen wie "Im Fernsehen lachst du Bauern aus, die genau so sind wie du“ zwar durchaus auf einer einfachen, lustigen Ebene funktionieren, zugleich aber nicht nur an der Oberfläche schürfen, sondern sich wirklich im Bereich des wahren und nachdenkenswerten bewegen. "Das System“, auf der Pre-Presse-Version noch als "Die Kleinen Dinge Im Leben“ betitelt, hingegen schafft auf ganz plakative und trotzdem nicht billige Weise einen komplett andere Sicht auf die im Rapbiz so beliebte "Wer hat den Größeren“-Thematik und bildet mit Lines wie "Ich starre voller Penisneid in das Gurkenglas“ und "Ich bin schlecht bestückt wie ein ostdeutscher Supermarkt“ einen großartigen Kontrast zum ebenfalls kultverdächtigen "Liebeslied“-Cover "Riesenglied“. Wie so häufig liegt wahrscheinlich auch hier die Wahrheit in der Mitte, Lob muss des Weiteren auch an den Featuregast sido ausgesprochen werden, der einmal mehr beweist, dass man auch als "Junge von der Straße“ nicht immer alles bierernst sehen muss.

Auch "Hurensohn Episode 1“ ist ein Lied, wie es wohl nur von K.I.Z. kommen kann. Ausgiebig wird sich hierbei für das wohl beliebteste Schimpfwort innerhalb der Hip Hop Community, seitdem Berlin sich selbst als Asirap-Hauptstadt auf die Karte setzte, entschuldigt. Über die Ernsthaftigkeit dieses Machwerks darf wahrscheinlich gestritten werden, aber das ist bei den musikalischen Erzeugnissen der Vier ja nun ebenfalls nichts Neues. Wann immer sich der Eindruck vermittelt, jetzt würde doch tatsächlich mal ernsthaft an eine Sache herangegangen werden, wird einem dann doch noch was um die Ohren geklatscht, was sämtliche vorherigen Überlegungen zunichte macht. Selbst das autobiografisch anmutende "So Alt“ lässt mich noch an seiner Authentizität zweifeln. Zumindest "Ohrfeigen“, Chauvi-Rap allererster Güte und doch irgendwie sympathisch, kann und will man sich aber nicht als realitätsnahe Beschreibung einer K.I.Z.-typischen Beziehung vorstellen. Spaß macht es mit Aussagen wie "Wenn du mit mir zusammen sein willst, dann gehst du nicht mehr raus. Ich wasch mich dann ja auch nicht mehr und lebe auf der Couch […] Was die Müllsäcke angeht: Bring `em out, bring `em out“ samt Jay-Z Sample jedoch allemal und schwingt sich für mich sogar zum absolute Highlight der Platte auf.

Im Endeffekt fällt es einem als Rezensenten schwer, ein abschließendes Urteil zu fällen und repräsentativ für das Gesamtwerk stehende Trackszu benennen. Zu vielseitig ist "Sexismus Gegen Rechts“ geraten, fast fehlt einem eine Art roter Faden, denn der Albentitel ist keinesfalls als thematische Zusammenfassung zu sehen. K.I.Z.  haben mit ihrem neuesten Werk eine perfekte Symbiose aus der musikalischen Vielfalt des Cover-Massakers "Böhse Enkelz“, der bodenständigen und zugleich doch abgedrehten Rotzigkeit vom "Rapdeutschlandkettensägenmassaker“ und dem eingängigen und partytauglichen "Hahnenkampf“ geschaffen. Womöglich fehlt der Platte aber doch die Eindeutigkeit, eine klare musikalische Richtung, um den Einzelnen vollends zu begeistern. Eventuell sind die Kannibalen aka Klosterschüler aka Kreuzritter aber einfach auch nur die erste richtige Rapkirmes-Band, die auch mal was Punkiges spielen kann, wenn sie danach gefragt wird, und die trotz dem ein oder anderen plakativen Song ohne tiefere Aussage, niemals den inhaltlichen Anspruch an sich selbst verliert. Alles in allem bleibt aber ein großartiges Stück Musik – und wenn es  erst nach dem fünften Durchhören ist.

Bewertung: 6 von 7.

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