Xatar – Alles Oder Nix

So also jetzt noch mal eine kleine Nachlese und ich finde es ja selbst verwunderlich, dass die zwei Deutschrap-Alben, die mir mit am besten gefallen haben im abgelaufenen Jahr 08, ausgerechnet aus dem totgesagten Genre Gangsterrap stammen. DAS liebe Leserinnen und Leser, das verwundert mich wirklich selbst – aber ist so.

Nach Farid Bang und seinem "Asphaltmassacker" haben wir jetzt, oder besser gesagt seit einem Monat schon, Xatar mit "Alles oder Nix“ vorliegen und auch wenn die beiden nicht unbedingt vergleichbar sind und wahrscheinlich auch nicht vergleichbar sein wollen, so haben sie doch zwei große Gemeinsamkeiten: Erstens sind beide sehr gute Story-Teller und zweitens haben beide einen ganz bestimmten, asozialen Humor.
Die Art und Weise, wie beide die üblichen Gangstarap-Zutaten präsentieren (Nutten, Drogen, Gewalt und Waffen), ist eben nicht so künstlich verbissen wie schon zu oft gehört und beide betonen, was andere auslassen: Gangster sein macht auf jeden Fall auch eine ganze Menge Spaß – ansonsten wäre man ja keiner. Dieses Rumgeheule, dass alles so hart im Block ist und es überall nur Wut und Frustration gibt, das gibt es da nicht, sondern bei Xatar heißt die Botschaft ganz klar: "Ich will nicht weg weil die Kripo mich seit 15 Jahren kennt – prominent – woanders wär ich doch der Kripo fremd.“
Oder ganz schlicht und alltagstauglich: "Du kannst mit Jogginghose rausgehn, und brauchst dich nicht schämen, weil die Frauen hier draußen auch so aussehn.

Abgesehen davon bezieht Xatar seine Anziehungskraft natürlich auch aus einer gewissen Authentizität, die seine Geschichten und Geschichte umgibt. Wenn er in "Paragraph 31“ rappt: "Schau mir in die Augen und schäm dich/ ich kenne Dich seit  fünf Jahren/ wie kannst du mich verraten?/ ich hab dir Hand gegeben/Du warst in mein Café/ Du warst Zeuge schlimmer Dinge/ die andere nicht sehn“ dann scheint das, in all seinem gebrochenen Deutsch, einen gewissen Realitätsbezug zu haben und nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Natürlich beeinflusst einen dieses Wissen beim Hören und vielleicht wirkt es auch stärker, wenn man sich die ganze Zeit denkt, dass das echt ist, aber ich behaupte, dass die Geschichten von Xatar auch ohne den Realitätsbezug funktionieren würden, einfach weil sie gut erzählt sind. Mit einfachen, klaren Worten beschreibt der Mann aus Bonn Abläufe, Tathergänge  und die damit verbundenen Gefühle, so dass man reingezogen wird in diesen Film und das ganze erlebbar wird. Frei nach dem Motto: Bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe.
Besonders zu erwähnen ist an dieser Stelle: "Eine Geschichte 1“, wo eben die Geschichte eines präventiven Gegenschlags beschrieben wird und am Ende aus lauter Unwissenheit der Cousin eines guten Freundes stirbt. Nach Aussagen Xatars zwar nicht selbst erlebt, aber alles passiert. Kann man in der Zeitung nachlesen.

Gangsterrap als Chronistenrap also. Gangsterrap als Zeitung für alle, die normalerweise keine Zeitung lesen. Warum nicht? Das ist auf jeden Fall um einiges spannender als die Blut und Boden Plattitüden, die ansonsten im Genre Straßenrap angeboten werden und definitiv unterhaltsam. Aus diesem Grund ist mir dann persönlich das gesamte Album "Alles oder Nix“ auch ein wenig zu lang geraten, und auf den einen grund- und emotionslosen Mutterfick-IhrhabtalleAngstvormirundichschlachtemeineGegner Part hätte man verzichten können. Das wirkt langweilig, zumal, und das bei allem Respekt, Herr Xatar auch nicht der beste Techniker vor dem Herrn ist, oder anders ausgedrückt, seine Rap-Skillz haben sich zwar deutlich verbessert seit seinem ersten öffentlichen Erscheinen, aber da ist noch definitiv Luft nach oben.

Alles in allem aber ein sehr, sehr gelungenes Erstlingswert, nicht zuletzt auch wegen der Beats, die eben auch nicht dem üblichen Bombast-Spezialeffekts-Kino-Soundtrack entsprechen, den man ansonsten auf solchen Alben findet, sondern von einer gewissen Stilsicherheit zeugen. Denn eines bleibt auf jeden Fall jetzt schon festzuhalten, egal wie sich das Label, oder die Rap Karriere des 25jährigen entwickeln werden: Xatar ist auf jeden Fall ein ziemlich guter Musiker. Und das ist nicht ganz unwichtig, wenn man Musik machen will.

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