Leipzig hat Skillz – eine Reportage vom HipHop-Award

Skillz

Während am Donnerstag in Berlin der sogenannte Musikpreis Echo verliehen wurde, bereitete man sich knapp 200 Kilometer weiter auf den ersten HipHop-Award vor. Skillz heißt die Veranstaltung, bei der in Leipzig ausschließlich Rap-Künstler geehrt werden – und bestimmt nicht für ihre Verkaufszahlen. Unser Reporter Dennis Knuspert war live vor Ort. 

Am Freitag war es soweit: Die Leipziger Rapszene versammelte sich im UT Connewitz zur „Untergrundgala“ – zum ersten Mal wurde der HipHop-Award Skillz verliehen. In zwölf Kategorien wurden Preise vergeben – und doch steht im Mittelpunkt nicht die Krönung des jeweiligen Siegers. Es geht vielmehr darum, die Leipziger HipHop-Szene in ihrer Vielfältigkeit zu würdigen und die verschiedensten Künstler der Stadt zusammenzubringen. Jake, Mitorganisator des Awards und Jurymitglied, fasst es zusammen: „Es geht nicht ums Gewinnen. Prinzipiell können heute alle nur gewinnen.

Die jeweiligen Künstler wurden zunächst in zwei Durchgängen per Onlinevoting vorgeschlagen und vom Publikum bewertet – allein hier haben sich 7.000 – 8.000 Menschen beteiligt. Dass es überhaupt so einen Award gibt, spricht dafür, dass die Leizpiger Szene extrem viel Output hat – und das, obwohl es nur wenige Leipziger Rapper gibt, die zu nennenswertem überregionalem Erfolg gekommen sind – beispielsweise Morlockk Dilemma, Omik K und Teile der Funkverteidiger. Der Rest der Szene tummelt sich weiterhin im so genannten Untergrund, was sich auch heute Abend wieder bestätigt.

Aber trotzdem: Leipzig wird seit wenigen Jahren als eine der hippsten und angesagtesten Städte Deutschlands gehandelt. Die Stadt, die von der New York Times 2014 zum „New Berlin“ erklärt wurde und die 2015 tatsächlich für Berliner attraktiver war als Berlin für Leipziger. Es ist quasi die Stadt, bei der sich niemand mehr sicher ist, ob sie noch voll am Kommen oder nicht schon längst angekommen ist. Außerdem ist es die eine Stadt in Sachsen, die sich bisher nicht (nur) durch Nazi-Aufmärsche und angezündete Flüchtlingsheime hervorgetan hat, sondern vielmehr als eine Art linke Hochburg gilt. Und trotzdem eben auch die Stadt, die seit mehr als einem Jahr mit mehr oder weniger regelmäßigen LEGIDA-Demonstrationen zu kämpfen hat und die am 12. Januar gar einen Überfall von rund 200 Nazis und Hools auf das linke Szeneviertel Connewitz erleben musste. In diesem Spannungsfeld – zwischen Untergrund und Hippness, zwischen Linksalternativität und rassistischer Gewalt – hat sich eine breit aufgestellte und extrem interessante HipHop-Szene entwickelt.

Leipzig ist vermutlich die Stadt, die derzeit den am rasantesten verlaufenden Gentrifizierungsprozess durchmacht. Ob diese Entwicklung das Ende der Untergrundkultur einläutet? Nicht unbedingt, findet Jake: „Wir haben tolle Künstler, die nicht ursprünglich aus Leipzig sind.“ Dazu gehören u.a auch die Gewinner des Preises für die beste EP 2015, Beppo S. & Peter B. mit „still & heimlich“ sowie dude26, der gleich drei Kategorien gewann: Bester Künstler, bester Producer und bestes Album. Die Szene scheint weit entfernt von einfachen und identitär-abgrenzenden Statements. „Es können gerne alle kommen und Teil der Untergrundszene sein, wenn sie dope sind.“ Auch seine Jurykollegin Lina Burghausen, die zusammen mit Falk Schacht das Label Catch The Beat gründete, pflichtet ihm bei: „Was HipHop generell auszeichnet, ist, dass egal wie präsent HipHop in den Charts ist, es gibt immer die Gegenkultur im Underground. Genau deshalb bleibt HipHop ja auch immer lebendig.

In Leipzig gibt es seit einiger Zeit diverse Open Mic Sessions und die Veranstaltungsreihe „WeSide Files“ versorgt die Leipziger_innen in regelmäßigen Abständen mit freshen Gigs mehr oder minder bekannter Rapper. Auch die Organisator_innen erkennen, dass sich in den letzten Jahren viel bewegt hat in der Szene. Es ist kaum möglich, die Leipziger HipHop-Szene auf einen Begriff zu bringen – dafür ist sie zu vielschichtig, zu abwechslungsreich und auch schlichtweg zu groß. Um die 100 Künstler_innen verzeichnet das lokale Rapmagazin Rapcircus. Dementsprechend gibt sich auch die Gala nicht den Anschein, als könne sie ein ganzheitliches Bild der Szene zeichnen. Trap, Consciuos-Rap, Battle Rap, Freestylerapper, Gangster- und Strassenrap – die Leipziger Palette ist bunt. Das unterstreicht auch Lina: „Was ich beobachte, ist, dass es in Leipzig eine unglaublich vielfältige Szene gibt. Dass ganz easy ein Omik K neben den „Daily Concept“ -Leuten existieren kann. Es gibt eben nicht DEN Leipzig-Sound.“ Aber auch wenn hier vieles in Bewegung ist, auch wenn die Szene sich rasant entwickelt: An diesem Abend unterstreicht sie ihren Untergrundstatus ein ums andere Mal. So bezeichnen sich die Organisatoren von „Open Mic Am Dienstag“ in ihrer Dankesrede für den Preis für die beste Veranstaltung gleichzeitig  als die „am schlechtesten organisierte„. Und die Props aus Leipzig gehen nicht raus an einen ohnehin längst etablierten  SSIO, sondern an Vit-Armin B aus Magdeburg.

Leipzig gilt außerdem als so ziemlich die einzige linke, oder zumindest nicht tiefbraune Stadt in Sachsen. Der Naziüberfall vom Januar diesen Jahres auf das Szeneviertel Connewitz zeugt aber auch von einem neuen Selbstbewusstsein der Nazis und Hools. Damit sieht sich die Leipziger Rapszene mit einem Problem konfrontiert, vor dem auch das restliche Rapdeutschland steht: Wie gehen wir mit Rassismus um? Kann HipHop hier intervenieren – ist es gar seine Pflicht? Auch hierauf gibt es keine einfachen Antworten. Dass es Zeckenrap in Leipzig gibt, ist kein großes Geheimnis. Ob jetzt die Gruppe Rana Esculenta ist oder ein MCE – es gibt Tendenzen, inhaltlich wertvollen Rap zu machen, es wird aber keine höhere moralische Verpflichtung konstruiert. Um sich der Floskel zu bedienen: Natürlich ist Rap Sprachrohr – aber eben vor allem  ein individuelles. Deutscher Rap gilt damit nicht per se als politisches Medium, doch bleibt es stets individuelle Entscheidung, ob man sich politisch äußern will oder die Notwendigkeit dazu sieht. Jake dazu: „Wenn Du was zu sagen hast, dann ist Rap eine der besten Kunstformen, die es gibt.“ Trotzdem: Politik und Rap können nicht immer so leicht unter einen Hut gebracht werden.

Dass Leipzigs Rapszene wirklich Skillz hat, zeigt sich den gesamten Abend über. Nicht nur die jeweiligen Gewinner der Kategorien, sondern auch die restlichen Nominierten sowie die Live-Acts sorgen für kollektives Kopfnicken unter den Besucher_innen. Die MCs und DJs stellen ihr Können eindrucksvoll unter Beweis – DJ dørbystarr führt an den Decks durch den Abend und macht seinen Job wie gewohnt richtig gut und nicht nur Stylus MC & Kritikal27 veranstalten einen dicken Abriss. Der Gewinner des Abends, dude26, kann seine drei Preise nicht persönlich entgegennehmen – er arbeitet derzeit noch an seiner neuen LP „Sechsundzwanzig Sonnen“ , welche er am 5. Mai über sein Label Daily Concept veröffentlicht. Auch 2016 produktiv zu sein ist das Versprechen, dass so gut wie alle DJs und MCs an diesem Abend abgeben. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Leipziger HipHop-Szene in Zukunft aufmerksam zu verfolgen. Dazu werden wir Euch in den nächsten Wochen den ein oder anderen Leipziger Künstler vorstellen.

Zum Reinhören gibt’s hier einmal dudesZimmer26“, welches zum besten Album 2015 gekürt wurde, als Fullstream…

…sowie den Track „Moment“ von Stylus MC & Zen-Zin, welcher zum besten Track 2015 gewählt wurde.

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