Sido – Ich

Sido, was hast du dir nur wieder dabei gedacht? Was hast du dir nur dabei gedacht, so lange von der Bildschirmfläche zu verschwinden, dich voll und ganz auf deine Arbeit zu konzentrieren, die Leute warten zu lassen, alle gespannt auf das Produkt zu machen, um im Anschluss mit einem neuen Album wieder für Furore zu sorgen? Viel, sehr viel sogar, das muss man dem Mann mit der Maske lassen. 2004 erschien sein erstes Album mit dem prägnanten Titel „Maske“. Ein unerwarteter Riesenerfolg, nicht zuletzt aufgrund der unvergesslichen Single „Mein Block“. Über 180 000 Exemplare gingen über die Ladentheke, Goldstatus nach wenigen Wochen, Aggro Berlin befand sich auf dem Vormarsch. Sido bekam viel Liebe von seinen Fans, allerdings ließ der Hass nicht lange auf sich warten. „Er ist momentan der umstrittenste Rapper, viele mögen ihn, viele hassen ihn…“, Stefan Raab brachte die Sache perfekt auf den Punkt, daher ist die Aussage des Entertainers auch im Intro von „Goldjunge“, ein Song auf dem neuen Album „Ich“, zu hören. Der Maskenmann hatte etwas Mysteriöses. Auf der einen Seite hatte man den Eindruck einen Vollidioten ohne Gewissen ertragen zu müssen, auf der anderen Seite bemerkte man seine Ironie, schloss den selbsternannten Proll und Proleten irgendwie doch in sein Herz. Ich persönlich hatte nie an seiner Intelligenz gezweifelt. Mir war bewusst, irgendwann wird Sido auch über seine Gefühle sprechen und persönliche Geschichten preisgeben. Es war alles nur eine Frage der Zeit, mit seinem neuen Longplayer „Ich“, der als Normalversion und Premium Edition erscheint, setzt der Lieblingsrapper ein Zeichen.

"Ich“ ist nicht so amüsant und witzig wie „Maske“, dafür aber tiefsinniger, qualitativ hochwertiger, anspruchsvoller und durchdachter. Mit der ersten Single „Straßenjunge“ meldete sich Sido offiziell zu Wort. Das Lied erinnert stark an die Hitsingle „Mein Block“, nicht zuletzt wegen dem Video, das zur Single gedreht wurde. „Ich bin kein Gangster, kein Killer und kein Dieb, ich bin nur ein Junge von der Straße. (…) Wenn ich ein Gangster wär, wärt ihr schon alle tot.“ Endlich bringt er einen wichtigen Sachverhalt auf den Punkt und spricht eine, wie ich finde, absolute Wahrheit aus. Man muss kein Gangster sein, um einen Fick zu geben und das zu machen, worauf man Lust hat. Man muss kein Gangster sein, um sich vor den Leuten zu profilieren und sich Respekt zu verschaffen. Man muss kein Gangster sein, um Musik zu machen, die nun mal nicht gerade an die Fantastischen 4 oder Fettes Brot erinnert. Jeder hat seinen eigenen Musikgeschmack und kann diesen auch repräsentieren, ohne sich gleich als Gangster darzustellen.

„Maske“ war einmal, „Ich“ steht für die Gegenwart. Es ist ein Album mit vielen Facetten. Es gibt typische Sido-Songs wie das schon angesprochene „Goldjunge“, „Ficken“ und „A.I.D.S. 2007“. Gute Songs, aber nicht gerade ein unvergessliches Hörerlebnis, obwohl B-Tight auf „A.I.D.S. 2007“ seinen besten Rap-Part überhaupt zum Besten gibt. Solche Songs ist der Hörer gewohnt, aber immer den gleichen Kuchen es ist auf Dauer auch nicht so bekömmlich. Daher hat sich Sido etwas einfallen lassen, gleich mehrere Torten für seine Hörer gebacken. „Ein Teil von mir“, was ist das für ein Song? Ein Song für seinen Sohn, da steckt Herzblut drin, das merkt man mit jeder Sekunde. „Ich bin so stolz auf dich, ich geh nie wieder weg/ Ich bin jetzt da für dich, ich mach meinen Fehler wieder wett…“. Welcher Fehler? CD kaufen, anhören, nachdenken.

„1000 Fragen“ kann man ebenso getrost als originell bezeichnen: „Warum gibt es europaweit noch Zöllner, warum ist Wowereit kein Kölner?“, mal sehen woher Sido seine Antworten bekommt. Weitere Highlights sind „Ich kiff nicht mehr“, „GZSZ“ und „Mein Testament“. Ein Testament mit 26? Intelligent, aber irgendwie auch traurig. Sido hat sein ganzes Leben noch vor sich, da braucht man in meinen Augen noch nicht an den Tod zu denken. Er hat es getan, das Ergebnis ist makellos, genau so wie ein Großteil der Produktionen, die auf das Konto von Paul NZA, DJ Desue, Roe Beardie und Tai Jason gehen. Feature-Gäste gibt es dafür umso mehr. Fler, B-Tight, Kitty Kat, G-Hot, Pierre von Seeed, Alpa, Tony D und Massiv. Das Feature mit Letzterem ist in meinen Augen ein Schwachpunkt der Platte. Kurzgefasst, ich finde den Rap-Part von Massiv richtig mies. Auf der Premium Edition findet man den Song „Get ya paper“ mit Smiff-N-Wessum. Hätte man die Songs nicht einfach tauschen können? Massiv kackt richtig ab gegen die Jungs von der Boot Camp Clik. Mit dem Ami-Feature hat sich Sido einen Traum erfüllt, leider werden nur die Käufer der schon erwähnten Premium Edition in den Genuss dieses Leckerbissens kommen. Dafür bekommt jedermann Comedy vom Feinsten geboten. Das Stichwort „Sarah“ dürfte diesbezüglich genügen.

Abgerundet kann man sagen, Sido hat sein Ziel erreicht. Er meldet sich eindrucksvoll zurück, einige Kritiker werden in naher Zukunft verstummen, da bin ich mir ziemlich sicher.

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