Deutschrap-Diskussion: Offener Brief von Dennis Sand an Falk Schacht (Gastkommentar)

diskussionsrunde-rap-journalismus

Die durch den Artikel „Deutschrap, du hast ein ernsthaftes Problem“ von Dennis Sand in der „Welt“ angestoßene Diskussion geht weiter. Gestern verfasste Falk Schacht einen ausführlichen Beitrag, in dem er seine Sicht darlegte. Die „Welt“ hat nachvollziehbarerweise kein großes Interesse an der weiterführenden Diskussion – wir aber. Deshalb veröffentlichen wir heute einen Gastkommentar von Dennis, in dem dieser auf Falks Beitrag in Form eines offenen Briefs antwortet. Auf weitere Diskussionsbeiträge sind wir gespannt. 

Mein liebster Falk Schacht,

Mensch, da hast Du mir jetzt einen so schönen und einen so langen Antwortbrief auf meinen Artikel in der Welt geschrieben, dass man fast meinen könnte, Du hättest Dich ernsthaft mit meinem Text und meiner Kritik an deutschen HipHop-Medien auseinandergesetzt. Vielleicht hast Du das ja sogar. Umso schöner dann, dass Du trotzdem ganz bewusst an mir vorbeigeschrieben hast. Provokation nennt man das, meintest Du. Klappt ganz gut.

Wenn ich meinen eigenen Artikel nicht kennen würde, würde ich Dir vielleicht sogar in ein paar Punkten zustimmen. Nur kenne ich den eben ganz gut und all deine Punkte, all das was Du gegen mich ins Feld führst, läuft vollkommen ins Leere. Aber das ist okay. Polemik ist okay. Polemik fördert Diskussionen. Die müssen dann nur noch fair geführt werden. Probieren wir es mal. Absolut fair. Realtalk und so.

Fangen wir mit den Fakten an. Die magst Du ja so gerne, entnehme ich deinem Brief.

Du schreibst:
In einer alarmistischen Art und Weise konstruierst du ein Bild von Deutschrap, als würden solche Hausbesuche 365 Tage im Jahr stattfinden. Es gab 2015 ganz genau einen Hausbesuch.

Fakt ist:
Es gab in den letzten Jahren, auch 2015, eine Vielzahl von Hausbesuchen. Toony hat Fler besucht. Toony hat Seppo besucht. Toony hat irgendwelche Internethater besucht und ihnen vor der Kamera gedroht ihnen den Wirsing wegzuklatschen. Kollegah und Farid haben auch Fler besucht. Kollegah und Farid haben Laas besucht (nicht zu Hause, aber für Laas ist home ja auch dort, wo die Stage ist), Toni der Assi hat Spongebozz besucht, Toony wiederum hat auch JuliensBlog besucht, Fler hat Frederic Schwilden besucht und wie viele Frankfurter (unter ihnen auch zwei Rapper), standen da neulich vor den Türen eines KC Rebell-Konzertes, so dass ein PA Sports nicht auftreten konnte? Nur um ein paar Beispiele zu nennen. Und dass ein Manuel Charr 2015 bei einer solchen „Ich-besuche-dich-in-deiner-Stadt“-Nummer angeschossen wurde, lasse ich mal außen vor, weil er ja kein Rapper ist, auch wenn er sich in den selben Kreisen aufhält.

Du schreibst:
Wir haben in den vergangenen Wochen epische Battle-Songs gehört.

Und führst dann folgende Beispiele an:
Kollegah gegen Spongebozz (da gab es keinen Song, da gab es nur eine Line)
Bushido versus Kai Diekmann (stimmt Falk, war echt n episches Battle)
Toony gegen Schwesta Ewa (Dein Ernst?)
Gio versus LionT (Dein Ernst???)
Jasko gegen SadiQ (??????)
Und ja, die zwei in der Tat großartigen Tracks, die beim Kay One versus Bushido-Battle rausgekommen sind. Über die beiden habe ich jeweils ein Stück geschrieben. In der WeLT. Aber das hattest Du bestimmt recherchiert, als Du mir mangelnde Recherche vorgeworfen hast, oder?

Du schreibst:
Wie viele der Stadtverbote wurden 2015 umgesetzt? Nicht ein einziges.
In Zahlen: 0.

Fakt ist: NATÜRLICH WURDEN DIE NICHT UMGESETZT, FALK! Wie denn auch? Nichtsdestotrotz ist das einfach Bullshit, den man auch Bullshit nennen muss!

Du schreibst:
An der Stelle, wo du es so darstellst, als ob Haftbefehl mit dem Song „CopKKKilla“ künstlerisch eine Antwort auf Böhmermanns „Ich hab Polizei“ gegeben hätte: Ich habe bis jetzt vier unabhängige Quellen die mir das Gegenteil bestätigt haben.

Fakt ist:
Die Möglichkeit, dass die beiden sich im Vorfeld abgesprochen haben könnten (gegenseitige Promo und so) wischt du mit dem Verweis auf deine Quellen weg. Deine Quellen sind Haftbefehl. Und Fler. Wow, Falk. Großartige Argumentationslinie. Tolle Investigativrecherche, echt. Fler ist sich „ganz sicher“. Sorry, da müsste ich überzeugt sein. Und klar, Haftbefehl würde dir gaaanz bestimmt verraten, dass es geheime Absprachen gibt. Du bist doch Falk Schacht und wenn Falk Schacht fragt, ich meine, wenn Falk Schacht RECHERCHIERT, dann…ja, aber dann…

Du schreibst dann weiter, dass ich zu jung war um die ersten HipHop-Jams miterlebt zu haben. Du hast Recht. Ich bin wesentlich jünger als Du. Dafür möchte ich mich hier auch noch einmal bei Dir entschuldigen. Mea Culpa. Du bist bestimmt auch der Ansicht, dass wir uns keine Meinung über den Zweiten Weltkrieg bilden dürfen, weil die Meisten von uns diesen Krieg nicht miterlebt haben. Lass uns auch nicht mehr über die Romantik, den Klassizismus oder die Aufklärung sprechen. Zu weit weg. Sollten wir uns keine Meinung drüber bilden. Mal im Ernst: Wo ist hier der Diss? Willst Du mir ernsthaft erzählen, dass ich mich nicht mit der HipHop-Geschichte auskenne, weil ich aufgrund meines Alter nicht jede Station der HipHop-Geschichte persönlich miterlebt habe?

Und dann kommt der Höhepunkt. Du schreibst…Mann, Falk, Du schreibst echt, ganz ernsthaft ohne ironieblinzelnden Smiley oder so den folgenden Vergleich: „Du musst bei der Mafia und mit der Mafia leben. Du musst ihre Historie kennen und auch selber Mafia sein um zu verstehen, was die Mafia ist. Sonst bist du nur jemand, der eine oberflächliche Sicht von außen hat.“ Damit willst Du mir sagen, dass ich nicht über HipHop urteilen darf, weil ich nicht selber HipHop bin.

Wann bin ich Deiner Meinung nach denn HipHop, Falk? Wenn ich einen Text in der JUICE veröffentlicht habe? (Habe ich. s/o an die JUICE) Wenn ich Jam-Sessions in den1990ern miterlebt habe? (Habe ich nicht). Willst Du meine CD-Sammlung begutachten? Im Ernst, Falk: Wie kann ich für Dich „HipHop“ werden? Erkläre es mir!

Witzig: Deine komische Wagenburg-Mentalität würde dem Großteil der Leute, die deinen Beitrag unreflektiert beklatschen und kommentieren selbst ebenfalls die HipHop-Credibilty absprechen. Aber ja, Hauptsache dagegen halten, Falk, nachgedacht wird später.

Fakt ist: Du hast Journalismus nicht verstanden!

Journalismus macht sich niemals mit einer Sache gemein. Im Gegenteil. Journalismus bedeutet, sich kritisch mit einem Phänomen auseinanderzusetzen und ja, es gibt jede Menge Journalisten da draußen, die das nicht ordentlich tun, besonders dann nicht, wenn es um HipHop geht. Aber Du, lieber Falk, Du bist kein Journalist, auch wenn Du gerne so tust, als wärst du es. Du bist ein HipHop-Lobbyist. Du hast deinen Abstand verloren. Und jetzt tust Du so, als wäre dieser Abstand ein K.O.-Kriterium um einen Text über etwas schreiben zu dürfen. DEIN Journalismus-Verständnis ist fragwürdig.

Aber ich gebe Dir Recht: Man soll nicht falsch über Dinge schreiben, von denen man keine Ahnung hat. Zeig mir einen, auch nur einen faktischen Fehler, den ich in meinem Text gemacht habe. Einen, Falk!

Du schreibst:
Verstehe ich dich richtig? DU als Mainstream-Medienvertreter kannst es Rappern nicht vorwerfen, die Gelegenheit (Gewalt zu propagieren) zu nutzen, aber verlangst, dass WIR als HipHop-Medienvertreter das müssen?

Nein Falk, das verstehst Du tatsächlich falsch. Ich sage, dass ein Fler drohen kann, wem er will. Ich sage, dass ein Toony vor jeder Tür stehen kann, vor der er stehen will. Aber als Journalisten haben wir – sorry, echt, ich will nicht pathetisch klingen – die verdammte Pflicht zu sagen: Stopp. Das geht zu weit. Journalismus kann eben nicht sein, das Ganze einfach hinzunehmen und Fler unhinterfragt erzählen zu lassen, dass er jemanden zusammenschlagen will. So wie Du es getan hast.

Journalismus kann es nicht sein, Massiv Theorien verbreiten zu lassen, die implizieren, dass es eine jüdische Beteiligung an 9/11 gab und anschließend unkritisch seine Alben zu promoten. Journalismus kann es nicht sein, wenn Massiv ein Bild postet das behauptet, der IS werde in Wahrheit von den USA und Israel gesteuert und anschließend unkritisch seine Alben und seine Videos zu promoten. Journalismus kann nicht sein, vollkommen unreflektiert ein Video zu verbreiten, in dem ein Al-Gear vollgepinkelte Gummibärchen an seinen verfeindeten Ex-Kollegen verfüttert.

Versteh mich nicht falsch. Man kann es lustig finden, wenn Al-Gear vollgepinkelte Gummibären an seinen verfeindeten Ex-Kollegen verfüttert und verdammt ja, auch ich fand das witzig. Dennoch gibt es eine moralische Grenze, die es mir verbietet, dass ich einen solchen Vorgang unkommentiert an ein breites, meist sehr junges Publikum weitergebe und ihnen damit impliziere: Cool sowas. Ja, verdammt, Journalismus hat Verantwortung. Und scheiß mal drauf ob das Journalismus von der WeLT, von rap.de oder von hiphop.de ist. Journalismus heißt: Positioniere Dich. Journalismus heißt: Nick nicht alles ab, was man Dir erzählt. Journalismus heißt: Sag was scheiße läuft, wenn was scheiße läuft. Oder klingt. Das ist der Punkt. Und dafür, dass ein Staiger sich damals für mehr Kritik stark gemacht hat und dafür sinnbildlich die Wange hingehalten hat, dafür sollte man ihm die Füße küssen. Nur: Was ist daraus bitteschön heute geworden?

Fakt ist, mein liebster Falk, Du schreibst sehr viel, und es puncht auch ganz ordentlich, aber das meiste davon hat weder Hand noch Fuß. Du schreibst es einfach nur der Schreibens Willen. Hauptsache gegenhalten, wenn die böse Mainstreampresse „deine“ Szene angreift.

Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Hauptproblem.
Du unterstellst mir mit deinem verqueren Text, dass ich so tun würde, als wäre Deutschrap kaputt. Das sage ich aber gar nicht. Im Gegenteil, Deutschrap geht es in all seiner Vielfalt so gut wie nie zuvor. Das habe ich in fast allen Texten, in denen ich über HipHop schreibe schon gesagt, und das hast Du bei deinen Recherchen sicher auch gelesen. Was ich aber sage ist: Deutscher HipHop-Journalismus ist kaputt. Darum geht es mir.

Und damit ist schon einmal die gesamte erste Hälfte deines Textes vollkommen obsolet. Denn ja, natürlich gab es auch in den 1990ern Gewalt. Und ja, natürlich gab es auch in den 00er Jahren „Rapper-Kriege“, wie sie auch die Fachmedien, nicht bloß der Boulevard nannten. Aber erst heute werden diese Auseinandersetzungen bewusst kalkuliert eingesetzt um nicht bloß ins Gespräch oder auf das Cover der HipHop-Bravo zu kommen, sondern damit auch möglichst viele Platten zu verkaufen.

Denn: das schreibe ich ja, geht es heute besonders im Gangster-Rap nicht mehr primär um das eigentliche Produkt, die CD, sondern vielmehr um das Paket, das drumherum geschnürt wird. Man kauft eigentlich nur noch eine Marke und diese Marke definiert sich eben über das Image, das der Künstler vermitteln will. Gerade heute ist das oft: Authentizität. Und authentisch ist, wer an Türen klopft und wer markige Sprüche wie „Worte haben Konsequenzen“ herausprollt. Und dass sich kein Medium dagegen stellt, sondern im Gegenteil, dem Ganzen noch eine Plattform bietet, DAS Falk, DAS ist das verdammte Problem.

Und ja, das unterscheidet die digitalisierte Gegenwart von den 1990er Jahren, wo es eben nur die JUICE gab und die JUICE sagte, wer nicht richtig tickt, der kommt nicht ins Blatt. Und wer nicht im Blatt war, der war nicht existent. Es gab keine alternativen Vermarktungsformen für Künstler, wie es sie heute gibt. Heute gibt es das Internet und jeder D-Klasse-Rapper kann sich selber eine Plattform schaffen. Umso wichtiger wird, dass Rapmedien klare Kante zeigen. Und jetzt erzähl mir bitte nicht, dass sie das genügend tun. Das tun sie nämlich nicht.

Darüber sollten wir reden. Das ist das Thema! Und verdammt, es ist ein wichtiges Thema! Let’s talk about rap? Gerne!

Und den Rest, mein liebster Falk, klären wir bei mir oder bei Dir, ohne Quarzsandhandschuhe mit Bier und den Schaum, den wischen wir uns auch vom Mund.

Peace:
Dennis

PS: s/o an Reyhan Sahin aka Lady Bitch Ray, die bei Falk in den Kommentaren rumhated. Wie läuft die Karriere, Maus?

  • Pat

    Sorry ich bin
    normalerweise niemand der irgendwas groß kommentiert, aber warum wir „Dennis“
    hier eine Plattform gegeben Falk so anzugehen? Meiner Meinung nach liest sich
    das wie die aggressive Antwort/Abrechnung eines beleidigten. Für ein
    „Journalisten“ echt trauriger schreibstil. Finde es ja nett von euch
    diese Diskussion mit zu tragen und auch die Gegenpartei zu Wort kommen zu
    lassen, aber in dieser Form…

  • Toony ist ein Hurensohn.

    • Frage: Warung diskutiert keiner mit mir darüber? WARUNG???
      Antwort: Da gibt’s nichts zu diskutieren. Toony ist ein Hurensohn.
      Lachkiiiiiiick 😀

  • homoerectus

    Versteh die ganze Diskussion nicht so richtig. Hier mal ein paar Fakten zum Thema:
    1. Deutschrap ist zu einem nicht kleinen Teil ein peinlicher, dummer und ungebildeter Haufen. Doch von unwichtigen Gestalten wie AssiToni, Toony,Massiv und SadiQ auf ganz Deutschrap zu schließen macht keinen Sinn, weil diese Gestalten eigentlich nur durch rapupdate eine Relevanz haben und nicht durch ihre Musik.
    2. Deutschrap ist zu Teilen komplett talentlos und musikalisch irrelevant. Sei es der 1000 Kanacke der klingt wie Bushido oder Haftbefehl oder Gestalten wie Toony, irgendwelche VBT Spastis oder ähnliche.
    3. Toony ist ein Hurensohn. Seine Aktionen rational zu erklären oder mit Deutschrap in Verbindung zu setzen sind falsch. Der Typ ist geistig total durch und psychisch quasi in jeder Beziehung auffällig. Auf Fler trifft das gleiche zu. Neuerdings hält der sich für den Modepapst schlechthin, labert aber immer noch die gleiche Scheisse. Ihm muss man allerdings zugute halten das er tatsächlich Bedeutung im Rap hat/hatte, währen Toony sich noch heute auf seine 3 verkauften CDs einen keult.

  • Holo Claus

    dieser dude hat einfach zu 100% recht

  • TonyMaroni

    So sehr ich Falk Schachts Begeisterung für Rap und seine akribische Kenntniss über HipHop Kultur respektiere, so befremdend sind seine diskursiven Methoden.
    Sein Argument, man könne die Mafia nur verstehen wenn man selbst Mitglied ist, ist schlichtweg absurd.
    Ein bekannter MC hat das mal ganz treffend zum Ausdruck gebracht:

    „Ein Gangsterrapper ist kein Gangster oder ist ein Müllmann Müll.“

    Auch das ständige Eingedresche auf die ach so bösen Mainstream Medien verliert im Angesicht der Tatsache, das besagter Journalist noch vor just einem Monat bei der Diskussionrunde
    „Kuck auf mein Business – Wie man deutschen Hip Hop zu Geld macht“ im Podium stand, an Glaubwürdigkeit.

    Es zeugt von Rückrad wenn man heutzutage Kante beweist und sich wie der Verfasser des „Welt“ Artikels traut, gegen den Strom zu schwimmen, und auch mal die Kehrseite von Deutschrap thematisiert.
    Themen wie Gewaltandrohungen,Antisemitismus und verwirrte Verschwörungstheorien.
    Also Themen die von fast allen „etablierten“ Hiphop-Platformen und -Journalisten ausgeblendet oder sogar noch zelebriert werden.

    Aber hey, deutscher Hiphop läuft ja so gut wie nie zuvor. Da kann man schon mal den Kopf in den Sand stecken und Werte über Bord werfen.

  • Weednamnese #TeamDonnergeburt

    dennis halt die schnauze du hurensohn, du hast keine ahnung von was du daredest, als ob du auch nur ansatzweise 1 plan von deutschrap hast du studentenhomo

    • Ibrahim

      Du bist 14 Jahre alt und nervst auf RU, Dennis hat Rap gehört, da warst du noch im Micro Penis deines Vaters, jetzt halt die Fresse und nimm deine Tabletten

  • ChloroformCongo

    Top Beitrag von Dennis. Kann man nicht mehr viel hinzufügen. Kein Hate an Falk, aber Dennis hat zu 100% Recht.

  • Ibrahim

    Es taucht ein richtiger Journalist auf und opfert die JA Sager und elitären Wanna be Mongos wie Falk Schacht, pure Gönnung

  • Tamilbrate

    Ich finde, man sollte sich nicht so sehr auf die Beef- und Gewaltaktionen versteifen. Das eigentliche Problem von Deutschrap ist meiner Meinung nach, dass die meisten Medien die Musik der Rapper nicht kritisch bewerten. Es kann doch nicht sein, dass gewisse Rapper jedes Jahr denselben Schrott veröffentlichen und sich dann ins Interview setzen und schwören, das aktuelle wäre das absolut beste Album ihrer Karriere, und die Journalisten sitzen nur daneben und sagen: „Korrekt.“ Was soll das? Die Hip-Hop-Medien helfen den Rappern dabei, den Kids für aufgewärmten und herzlosen Dreck 50 Euro für eine Box aus den Taschen zu ziehen. Vor allem hören viele Journalisten die Alben ja schon vor Release und das meist direkt vor dem Interview. Da stünden die Journalisten doch wohl in der Pflicht, die Musik zu thematisieren und dem Musiker kritische Fragen dazu zu stellen, anstatt ihnen einfach nur eine weitere Promoplattform zu bieten. Das wären sie den Fans schuldig.

  • Uxmal

    Danke für deine zwei tollen Artikel, Dennis!! Die Reaktionen von Falk machen mich als „Oldschooler“ traurig. Ich hab‘ damals gerne „Supreme“ verfolgt und ich muss nun dabei zusehen, wie er sich selbst demontiert :/ Große Teile seiner Aussagen sind einfach haarsträubend. Ich war in den 90ern ebenfalls auf unzähligen Jams und habe nicht ein einziges Mal Gewalt erlebt! Im Gegenteil, ich war ja genau aus dem Grund des FRIEDLICHEN Wettstreits so fasziniert von dieser Jugendkultur! Der schwächliste, uncoole Nerdjunge mit Migrationshintergrund (und was weiß ich 😉 konnte der King sein, weil er einfach cooles Piece malen konnte. Und wer es noch nicht konnte: „Each one teach one“ – die Erfahrenen teilten ihr Wissen.

    „Ich weiß noch genau…“…wie es für mich endete: Und zwar als Kool Savas beim Splash auf der Bühne vorbrüllte: „Alle Rapper sind schwul in Deutschland!“ Und die meisten um mich herum brüllten es nach. Eigentlich harmlos nach heutigen Maßstäben – für mich ein Schlag ins Gesicht. Wie sollte ich mich mit so etwas identifizieren?? Aus den Ghettoblastern auf dem Zeltplatz waren die ersten aggressiven, mit Schimpfwörter gespickten Berliner Songs zu hören. Nennt mich Weichei, aber es war Zeit für mich zu gehen. Seitdem warte ich, ob es sich wieder bessert. In kleinen Nischen findet sich zwar das eine oder andere, aber was Akteure an der Spitze angeht…einfach nur traurig…

    Tja, und Leute wie Falk Schacht sind geblieben und haben sich mit den neuen Strömungen arrangiert. Mittlerweile habe ich aber meine Zweifel, ob es ihnen gut getan hat… :/

    • TonyMaroni

      Ich habe die 90er Jahre Jam-Zeiten nicht miterlebt und bin erst durch den „Westberlin Maskulin“-Savas, der Auslöser deiner Abkehr,auf deutschsprachigen Hiphop gekommen.
      Man kann zwar textlich von dem „alten“ Savas halten was mann will, (und ich fand die Lyrics in ihrer Absurdität jedenfalls Lichtjahre interessanter als all den verkrampft kalkulierten Reimketten- und wie-Vergleich Einheitsbrei der heute so bejubelt wird) aber es war etwas Eigenes. Rap als Basis in die man seine Kreativität stecken konnte.Unprofessionell aber dope.

      Ich muss dir allerdings damit recht geben, dass Savas wohl zum Großteil Beschleuniger und Auslöser einer fehlgeleiteten Entwicklung war. Eine Entwicklung die sehr viele komplexbeladene Idioten und Halbstarke ins Boot geholt hat. Denen gings nicht um die Musik, sondern schlichtweg um die „harten“ Texte.

      Die kurz darauf eingeläutete Aggro und Dipset Phase hat dann zunehmend jeden Ansatz von Kreativität im Keim erstickt. Deutschrap und wurde zum blassen Schatten seiner
      amerikanischen und französischen Vorbilder. Thus, ein Fehlfortschritt.

      Inzwischen ist Hiphop zum Massenphänomen geworden. Das Spektrum hat sich wieder erweitert. Die Quantität der Interpreten auch. Nämlich so sehr das man vor Bäumen den Wald nicht mehr sehen kann. Und darin liegt mein Problem.

      Wieso kann die elitäre Hiphop-presse da nicht besser aussortieren. Warum wird jedem VBT-Rapper eine Plattform geboten? Warum wird jeder ach so ironische Swag-Rap Spastie, jeder Premiumboxen PVC Rapper hofiert? Wer sich ein Fler Interview ansehen will, geht auf Boulevard Seiten.
      Ein Journalist dem es nur um die Musik geht sollte nicht auf jeder Hochzeit tanzen!

      • Uxmal

        Sehr interessante Analyse, danke! Den frühen „Fehdehandschuh“-Savas fand ich damals auch sehr erfrischend und aufregend, da bin ich bei dir. Das hatte was fast Dadaistisches und zudem voller Energie. Ich war positiv verwirrt. Aber wie du schreibst, die meisten die danach kamen, haben sich in erste Linie daran inhaltlich orientiert. Da war dann mein Gedanke, ach sooo, die meinen das Ernst?

        Natürlich wird von der HipHop-Presse bis heute immer gebetsmühlenartig vorgetragen, das ist ja alles nur Spaß. Am Ende ist es Berliner Humor, der sich auf die Republik übertragen hat, den ich einfach nicht verstehe. Vielleicht weil Berlin seit jeher ein raues Pflaster ist, was Umgangsformen angeht. Wie singt Kurt Krömer so schön: „Wir Berliner sind ja quasi die Erfinder der Freundlichkeit“.

        Der Rest deiner Ausführungen gibt mir eine Ahnung davon, wieso es so schwer geworden ist, im Dschungel der Releases, „meine“ Geschmacksrichtung oder allgemein interessante Künstler herauszufiltern…

  • Ein H∆uch von Tüll[25iger]

    Sheesh wie er Falk einfach schlachtet

    Denke mal Falk hat ihn einfach für einen plumpen Zeitungs-Menschen gehalten der sich noch kein Tag in seinem Leben mal ne HipHop Platte angehört hat.

    Tja man muss halt auch mit seinen eigenen Klischees zB. über MainstreamMedien ringen ^^ sonst fällt man in die Grube
    gerade wenn man sich immer über die Klischees gegenüber seines Mediums beschwert

  • Zeitverschwender Megaständer

    Bin seit 1993 Teil der Hip Hop Szene und eigentlich Fan von Falk aber hier hat er ganz klar den kürzeren gezogen. Er selbst hat geantwortet wie ein verkappter Rapper und hat einen arroganten Ton eingeschlagen und sich mit seinem vermeintlichen Insiderwissen versucht zu erheben. Die Kritik am Deutschrap-Journalismus ist schon lange überfällig. Ich schüttel regelmäßig den Kopf was da gemacht wird. Ich sag nur mal Rooz. Eine Visa Vie, die regelrecht Angst hat vor ihren Gegenübers. Dennis hat hier absolut Recht was Journalismus betrifft und ich sehe Falk auch eher als Lobbyist und nicht als Journalist. Selfies mit Rappern. Reflexartig wird immer wieder mit dem Totschlagargument, alle Rapper seien nur Kunstfiguren (Widerspruch: „Ich bin real, ich bin authentisch, ich komme von der Straße“) und Diskriminierungen / Drohungen seien ja ursprünglich im Hip Hop verankert, da es eine Battle-Kultur sei, jede Kritik von „Mainstreammedien“ weggewischt. Was hier noch keiner angesprochen hat ist dass kaum noch „Gangsterrap“ (ich nenne es eher Asi-Rap) ohne das gutheißen und brüsten von und mit Drogenhandel. Vor Kindern, die größtenteils den Schrott kaufen. Erzählt mir jetzt Bitte nicht wieder das sei eine Metapher, wie ein Scorsese-Film gemeint oder die Eltern seien Schuld. Hip Hop Journalismus ist tatsächlich am Arsch. Die Backspin und die Juice hatten früher eine Haltung, im Zeitalter des Internets müssen alle schön mitziehen, weil sie sonst auf der Strecke bleiben, da keiner mehr auf sie angewiesen ist. Ekelhaft.

  • Spielerhasser

    Das größte Problem sind mMn die Videointerviews und persönlichen Treffen mit den Künstlern. Wie soll man denn so etwas wie kritische Distanz waren, wenn man sich vor jedem neuen Album für zwei Stunden mit dem Künstler auf die Couch knallt und munter herumflachst? Über Jahre immer wieder?

    Du kannst halt kein stetigen persönlichen Kontakt zu Künstlern pflegen und nebenher auf deiner Plattform Albumverrisse schreiben oder Massiv einladen, ihn vor laufender Kamera des Antisemitismus bezichtigen und erwarten, dass er nächstes Jahr wieder kommt. Entweder oder.

    Die großen Plattformen möchten Lieber reine Welt, um zu gewährleisten, dass die Künstler weiter über die eigenen YouTube Channel releasen und zu den stundenlangen Interviews kommen und verzichten auf explizite und unverblümte Kritik, auch weil man gemerkt hat, wie sensibel und nachtragend Künstler sind. (Beispiel Bushido, der ja eine Zeit lang eine bestimmte Plattform boykottiert hat) Außerdem ist man längst keine Instanz mehr, die Künstler sind für die einzelnen Plattformen wichtiger, als die einzelnen Plattformen für die Künstler. Wer einen großen Anteil seiner Einnahmen über YouTube verbucht, möchte es sich nicht leisten, Künstler zu vergräulen und bleibt auf Kuschelkurs. Das ist das Diktat des YouTube Geschäftsmodells, dass man sich auferlegt hat (und sei es wegen mir zum Selbsterhalt), dass nun einmal zu einem großen Teil auf Sympathie und gesunden persönlichen Beziehungen zwischen Künstlern und Plattformvertretern basiert.

    Das von seiten des HipHop Journalismus als Konsequenz daraus längst keine schonungslose Kritik mehr geäußert wird, wo und wenn angebracht und man auf Kuschelkurs geht (klar gibt es immer wieder einzelne Außnahmen) ist Fakt. Insofern muss ich dem Autor sehr recht geben, wenn er sagt, dass der hiesige HipHop Journalismus kaputt ist, auch wenn mich das bei Themen wie Stadtverboten und Klingelstreichen viel weniger stört, als bei der kritischen Auseinandersetzung mit der Musik selbst.

    • TonyMaroni

      Guter Einwand!
      Die Kumpeleien die von Fachjournalisten mit Musikern betrieben werden sind der ausschlaggebende Faktor für die ständigen Relativierungen und Schönredereien der angeprangerten Missstände.
      Jede ernsthafte Kritik und jedes Albumreview kommen aufgrund dieser Blutsbrüderschaften nicht über das kritische Niveau der Filmrezensionen eines Mc Donald´s Kinonews Magazin hinaus.
      Da bringt es nichts mit Steinen auf den Axel Springer Verlag zu werfen wenn man selbst in der Deutschrap Glaslobby sitzt.

  • maksumuto

    Kennt einer von euch Gamergate? Genau die selbe Dynamik, nur, to be fair, nicht ganz so komplett bescheuert: „Buäh, der hat Rap kritisiert!!!“

  • multi

    Spielehasser hat es gut gesagt,
    Das thema kam in den yt kommis seit jahren immer wieder auf, bestes bsp ist das interview bei backspin zum badt album von majoe…jeder schwanz weiss das sie ihn auf die 1 gekauft haben , niko ist der einzige der ihn darauf (leider durch die blume) angesprochen hat ( es war majoe sichtlich peinlich) …was hats gebracht?
    Garnichts, es ist einer der peinlichsten aktionen der letzten 10 jahre und niemand redet drueber..
    Fuer mich war das damals ein zeichen das hiphop journalisten. Doch eher den schwanz lutschen als kritisch zu hinterfragen…